Eine strahlende Compagnie hat mit der glücklich lächelnden Choreografin, Dada Masilo, nach einer viel zu schnell vergangenen Stunde, im ausverkauften Volkstheater den frenetischen Applaus für die eindrucksvolle Uraufführung von "The Sacrifice" entgegengenommen.

Eine verschleppte Verletzung hat die zierliche Tänzerin und Choreografin gehindert, wie sie vorgehabt hat, selbst mitzutanzen. Erst wenn sich die Compagnie in weißem Outfit zur mehrfachen Verbeugung aufreiht, gesellt sich Dada Masilo dazu. Die Uraufführung in ihrer Heimat Südafrika ist ihr ebenso versagt geblieben wie die Teilnahme am Festival von Avignon und die geplanten Premieren in Hamburg oder Berlin. Das ImPulsTanz Festival kann sich nun rühmen, die Uraufführung von "The Sacrifice" endlich auf die Bühne gehievt zu haben.

Dada Masilo unternimmt eine neue Interpretation eines Opferrituals. - © John Hogg
Dada Masilo unternimmt eine neue Interpretation eines Opferrituals. - © John Hogg

Igor Strawinsky und Vaslav Nijinsky, die 1913 mit der Uraufführung von "Le sacre du printemps" (Das Frühlingsopfer) in Paris einen der größten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts ausgelöst haben, müssen vergessen werden. Masilo ließ sich lediglich vom Titel dieses an die Rituale des alten Russlands erinnernden, von ungezählten Choreografen neu interpretierten Balletts inspirieren, um über Rituale und Opfer, über Mutterliebe und Verlust, Liebe und Tod nachzudenken. Leichte Kost ist das nicht.

Furioser Tanz

Die Musik, jazzig, fetzig, bluesig, rhythmisch und wild mit romanischen Geigenkantilenen versetzt, ist von den afrikanischen Musikern eigens für "The Sacrifice" geschaffen worden. Sie tragen die Vorstellung, treiben die elf Tänzerinnen und Tänzer und bremsen sie im furios getanzten Tswana, dem traditionellen Tanz aus Botswana. Männer und Frauen erobern in dunklen Hosen und Röcken, die am Saum flammend rot gefüttert sind, die Bühne. Ein wahrer Hexentanz beginnt, mit lauten Schreien und rhythmischem Stampfen, mit einem akzentuierten Klatschkonzert und in fremder Sprache gemurmelten Beschwörungsformeln. Dämonisch und beruhigend zugleich. Masilo gibt zu verstehen, dass Opferrituale auch der Reinigung dienen, Sünden werden weggewaschen, Fehler vergeben. Der Alltag bricht ein, eine innige Liebesgeschichte entwickelt sich, die Geige schluchzt. Eifersucht ist spürbar.

Gedanken bei den Opfern

Der zweite Teil, ruhiger und näher dem zeitgenössischen Tanz, ist der Klage einer Mutter um ihre tote Tochter und einem aufwühlenden Begräbnisritual gewidmet. Mit weißen Lilien in Händen nähern sich Frauen und Männer vorsichtig der Trauernden, die einen herzzerreißenden Klagegesang angestimmt hat. Die gigantische Stimme von Ann Masina kennt alle Höhen Tiefen, jegliches Forte und Piano. Tanz und Musik verbreiten eine süße Melancholie, die Gedanken schweifen zu den Opfern, die immer wieder gebracht werden müssen. Dada Masilo meint, die Geschichte im Ballett "Frühlingsopfer" sei doch "recht einfach", sie wolle eine größere, weltweite Geschichte erzählen. Und sie kennt die Regeln des Balletts, deshalb kann sie diese brechen. Mit der körperbetonten, perfekt getimten Kreation hat Dada Masilo ihrer Karriere als markante Choreografin einen weiteren Edelstein hinzugefügt.

Zum ersten Mal im ImPulsTanz Festival aufgetreten ist Masilo 2013 als Tänzerin in der Oper "Refuse the Hour". Danach hat sie mit The Dance Factory, bei der sie Artist in Residence ist, in zwei Sommern "Swan Lake" vor ausverkauftem Haus gezeigt und 2017 auch in "Giselle" afrikanischen mit klassischem Tanz verschwistert.