Der Donnerstag in Bayreuth hatte gleich mehrfach mit Österreichern zu tun. Erst glänzte der Puppenvirtuose Nikolaus Habjan am Park-Teich bei der einstündigen Uraufführung von Gordon Kampes "Immer noch Loge", zu der Paulus Hochgatterer den Text verfasst hatte, unter anderem mit seiner Klappmaulpuppen Erda, die dem Feuergott den Prozess machte. Dann lieferte Hermann Nitsch szenische Zutat zu einer konzertant aufgeführten "Walküre" im Festspielhaus. In Schachbrettmusterbesetzung ließen sich dort die verordneten FFP2-Masken ein klein wenig besser ertragen.

Auf der Bühne nahm der Aktionisten-Altmeister das gern kolportierte Wort von der "Werkstatt Bayreuth" so wortwörtlich wie vor ihm noch niemand. Bei Nitsch wird der riesige Bayreuther Bühnenraum zum Atelier. Er lässt drei Mal live über die Länge eines Aufzuges ein riesiges aufgestelltes Triptychon und die waagerechte Fläche dazwischen von zehn Assistenten einfärben. In der Senkrechten laufen die Farben von oben herab, auf dem Boden werden sie mit Schwung verschüttet.

Etliche Buh-Rufe

Am Beginn ist alles weiß, am Aktende alles bunt. Dazwischen setzt es jede Menge Farbenspiele. Pro Vorstellung entstehen so drei Riesenbühnenbilder. Wo die wohl nach den Festspielen auftauchen werden? Zum finalen Feuerzauber dominiert natürlich das unvermeidliche Blutrot. Nicht nur in dieser Szene kann man über Zusammenhänge zwischen dem "Walküre"-Soundtrack und der Kunstaktion nachdenken; man kann es aber auch lassen. Nitschs Bodenpersonal hatte jedenfalls eher wenig Sinn für die Musik. Vor jeder Piano-Stelle landete eine neue Ladung Farbe mit einem lauten Platsch auf dem Boden. Die Idee war gut, das Ergebnis eher so "na ja": Schön und bunt, aber nicht wirklich sinnstiftend.

Für Pietari Inkinen, Dirigent der Vorstellung und des nächsten "Rings" (Regie: Valentin Schwarz), war der Abend im besten Falle eine Generalprobe unter Premierenbedingungen. Er musste etliche Buhs einstecken - wohl auch, weil das Publikum den Vergleich mit Kirill Petrenko und Christian Thielemann kennt. Man kann nur hoffen, dass der Theateraberglaube stimmt, wonach Pech bei der Generalprobe ein gutes Premieren-Omen (also für das kommende Jahr) bedeutet. Und dass Christian Thielemann, der faktische Musikdirektor der Festspiele, seine Erfahrungen einbringen und der Haus-Debütant darauf hören wird. Vielleicht kommen dann noch jene Spannung, vor allem das Tempo und auch die Kontur zustande, die in diesem ersten Anlauf fehlten.

Den (von Günther Groissböck zurückgelegten) Wotan gab Tomasz Konieczny sehr respektabel mit edler Stimmgewalt. Die zweite hörbar kraftvoll gesunde und vor allem junge Stimme war aber leider nicht die Brünnhilde von Iréne Theorin, sondern der neue Stern am Wagnerhimmel aus dem Norden, nämlich Lise Davidsen als Sieglinde. Klaus Florian Vogt wirkte als Siegmund ein Stück weiter gereift, als sein sonstiges Strahlemann-Image vermuten ließ. Der Hunding von Dmitry Belosselskiy war eine ebenso sichere Bank wie die Fricka von Christa Mayer. Sie sang dann auch eine der Walküren, die bei ihrem berühmten Ritt zwar in Reih und Glied an der Rampe standen, aber leider nicht so klangen.

Die Enttäuschung über die musikalische Seite dieser "Walküre" wurde gemildert durch das Gesamtprojekt "Ring 20.21" im Rahmen der experimentierfreudigen Reihe "Diskurs Bayreuth", mit der Hügelchefin Katharina Wagner beherzt die Hoffnung auf die Neuinszenierung der Tetralogie wachhalten und Appetit machen wollte. Neben der Uraufführung am Teich und der an die Götterdämmerung erinnernden Installation "The Thread of Fate" von Chiharu Shiota auf der gegenüberliegenden Parkseite konnte man anstelle des kompletten "Siegfried" mit einer 3D-Brille minutenlang in Jay Scheibs Kreation "Sei Siegfried" selbst einen atemberaubenden Drachenkampf im Festspielhaus durchleben. Die Pausen zogen sich bei all dem Aufgebot im Haus jedenfalls nicht in die Länge.