100 Minuten geballte Energie, Springen, Drehen, Saltos aus dem Stand, gewagte Hebungen, unaufhörliches Laufen, Angstschreie. Aber auch Gruppentanz in der Stille, zärtliche Pas de deux, Feen, Waldgeister und rituelles Tanzen aller zehn Künstler (sechs Männer, vier Frauen). "Traces" spielt auf einer Lichtung in einem dunklen Wald, in den die Menschen eine Schneise geschlagen haben. Gleich zu Beginn rennt eine Frau angstvoll kreischend den Weg entlang. Was sie bedroht, wird das Publikum erst später erfahren. Es ist die Natur, die sich gegen den Eingriff der Menschen wehrt, personifiziert durch die Bären: In Rumänien, wo Choreograf Wim Vandekeybus seine Spuren sucht, legt und wieder löscht, sind sie gefeierte Tiere, Symbole für den Frühling. Wenn die Welt sich erneuert, erwachen auch die Bären aus dem Winterschlaf. Die rumänische Tradition, Bären zu Tänzern zu dressieren, ist heute verboten. Nur ein Menschenkind hat keine Angst vor den Bären, die junge Frau gebiert auf der Bühne später ein Bärenbaby.

"Traces" ist als Auftragswerk für das alle zwei Jahre in einem anderen Land stattfindende Kunstfestival Europalia Romania entstanden. Vandekeybus erzählt, dass seine Sorge, der Auftrag sei eine Falle, erst zerstreut wurden, als er Rumänien besucht hat. Die dichten Wälder der Karpaten, die Bären und andere Wildtiere, die darin hausen, hätten ihn ebenso inspiriert wie die Roma, die für ihn die Menschen am Rande der Zivilisation repräsentieren. Für kurze Zeit sind auch die Tänzer Nomaden, bauen aus allem, was so zu finden ist, ein Haus am Waldesrand, in dem alle Unterschlupf finden. Bis auf die junge Mutter des kleinen Bären: Sie zerstört das Haus, um ein Bett für ihr Kind zu bauen. Bei aller Toleranz und Fürsorge, die die Gruppenmitglieder füreinander hegen: Das geht zu weit. Die Mädchenmutter wird mit Farbe gebrandmarkt, in einen Teppich gerollt und beiseitegelegt. Wenn später die Bären die Menschen besuchen, keineswegs mit freundlichen Absichten, interessiert sich der Vater des Babys weder für die Mutter noch für sein Kind. Die Bären scheinen zu siegen, die Menschen werden vertrieben. Doch sie kommen wieder - mit der Kettensäge.

Zeremonien der Bilder

Wie in allen Choreografien von Wim Vandekeybus ist der sportliche, dynamische Körper Aussageträger und Mittelpunkt. "What the Body Does Not Remember" hat er seine erste Choreografie genannt, womit er 1987 seine steile Karriere begründet hat. Seit 1989 ist Vandekeybus regelmäßiger Gast des ImPulsTanz Festivals und hat in Wien etwa 25 Produktionen gezeigt, das Publikum konnte seine Entwicklung hin zu absurden Geschichten und dem Theater mit dem Einsatz von Sprache und Text mitverfolgen.

Auch in "Traces" wird gesprochen, doch der Anführer gibt seine Befehle in unverständlicher Sprache. Laute, Schreie und Gesang sind mehr dem Rhythmus und der Musik zuzuordnen, Inhalte werden nur durch die zehn energiegeladenen, nimmermüden Körper transportiert. Vandekeybus ist gelungen, was er angestrebt hat: "Zeremonien der Bilder" zu schaffen.