"Wiener Zeitung": Warum haben Sie die Proben für "Henry VI." für das Publikum geöffnet? Üblicherweise ist der Entstehungsprozess einer Inszenierung für Zuseher ein unbekanntes Universum?

Owen Horsley. 
- © E. Kurttz RSC

Owen Horsley.

- © E. Kurttz RSC

Owen Horsley: Genau deshalb wollten wir es ja einmal öffentlich machen. Wir zeigen zwar nicht den gesamten Probenprozess, aber wir dachten, dass es bestimmte Momente gibt, die für das Publikum von Interesse sein könnten, die es begeistern und erneut für das Theater entflammen. Nach einem Jahr des Lockdowns fühlte es sich richtig an, nach Wegen zu suchen, um die Beziehung zwischen Zuschauern und Akteuren neu zu überdenken.

Wie haben Ihre Kollegen reagiert? Gab es Widerstand?

Natürlich. Anfangs gingen manche davon aus, dass wir die Proben im Big-Brother-Stil aufbereiten, aber das wäre für niemanden von Vorteil gewesen. Sobald sich die Leute aber mit dem Projekt auseinandersetzten und unsere Intention verstanden haben, legte sich der Widerstand. Es steckt viel Arbeit hinter einer Theateraufführung. Wir zeigen erstmals auf, wie viel Hingabe und Kompetenz dabei tatsächlich zusammenwirken.

Wie hat das Publikum reagiert?

Die Resonanz des Publikums war wirklich interessant und im Großen und Ganzen äußerst positiv. Theaterfans wurden Einblicke geboten, von denen sie nie gedacht hätten, dass sie sie jemals zu Gesicht bekommen würden - und sie liebten es. Was für uns Theaterleuten im Probenprozess selbstverständlich ist - wie Kämpfe, Choreografien und Aufwärmübungen -, vermittelten dem Publikum ganz neue Dimensionen, um sich mit unserer Theaterarbeit auseinanderzusetzen.

Welche Erfahrungen haben die Schauspieler damit gemacht?

Die Schauspieler waren während des gesamten Prozesses extrem mutig und offen. Natürlich lagen anfangs die Nerven blank, aber am Ende waren alle davon begeistert, ihre Arbeit öffentlich zu artikulieren und reflektieren.

Werden Sie damit fortfahren, oder war es nur ein einmaliger Versuch?

Im Moment ist das nur ein einmaliges Projekt. Es war eine Reaktion auf die Zeit, in der wir uns gerade befinden. Ich bin mir sicher, dass es künftig andere Möglichkeiten geben wird, wie wir das Publikum in den gesamten Prozess neu einbinden können, aber das ist sicher kein Konzept, das wir von nun an auf jede Produktion anwenden werden.

Im deutschsprachigen Theaterraum gibt es derzeit eine große Debatte über Machtmissbrauch. Einigen Regisseuren wird vorgeworfen, während der Proben die Beherrschung zu verlieren und Schauspieler zu beleidigen. Ist das auch ein Thema im britischen Theater?

Auch im britischen Theater wird darüber diskutiert, vor allem im Ausbildungsbereich. Meiner Meinung nach sind Machtdemonstrationen ganz und gar nicht hilfreich, um Kunst zu machen.

Das RSC-Ensemble für "Heinrich VI, Teil eins" wirkt interkulturell und divers, ist das im britischen Theater üblich oder eine spezielle RSC-Casting-Politik? Im deutschsprachigen Theater sind interkulturelle Ensembles selten. Welche Erfahrungen haben gemacht?

Diese Dinge beginnen sich im britischen Theater zu ändern, und das ist ein aufregender gesellschaftlicher Prozess. Was wir auf unseren Bühnen sehen, sollte die Gesellschaft widerspiegeln. Ich denke, das ist besonders bei Shakespeare wesentlich, da seine Dramen universell sind und jede Kultur und jeden sozialen Hintergrund einbeziehen sollten.(pat)