Hoch und runter, erhebt euch, dreht euch und - tötet. Yeah!", so lautet das Kommando von Trainerin Rachel Bown-Williams. Sechs Mitglieder der Royal Shakespeare Company folgen ihr aufs Wort: "Kill. Yeah." Die Darsteller tragen Trainingskluft und Turnschuhe, in den Händen halten sie Schwerter aus Aluminium, geprobt wird eine Fechtszene, eine von vielen Bühnenkämpfen, die Shakespeares Königsdrama "Heinrich VI., Teil eins" bereithält. Stundenlanges Training steckt hinter einer Kampfszene, die auf der Bühne nur wenige Minuten dauern wird, unzählige Wiederholungen sind nötig, bis das Aufeinandertreffen feindlicher Truppen nach sorgfältig choreografierter Bedrohung aussieht. Selbst Profis kommen dabei ins Schwitzen.

Geheimniskrämerei

All das konnte man nun live miterleben. Die Royal Shakespeare Company (RSC), eine britische Theatertruppe von Weltrang, mit Sitz in Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon, hat mit dem "Open Rehearsal Project" ein einzigartiges Unternehmen gestartet: Die Regisseure Gregory Doran und Owen Horsley öffneten ihre Proben zu "Heinrich VI., Teil eins" für das Publikum, es war die erste Premiere nach dem Lockdown. Theater-Aficionados hatten die einmalige Gelegenheit, all das zu sehen, was ihnen sonst verborgen bleibt. Der kreative Entstehungsprozess einer Inszenierung findet üblicherweise hinter fest verschlossenen Türen statt.

Die RSC ging das Wagnis ein, das gut gehütete Geheimnis zu lüften. Von 1. bis 23. Juni wurde drei Mal täglich, um 9, 12 und 18 Uhr je 90 Minuten lang live aus dem Probenraum gestreamt. Nicht der gesamte Probenprozess wurde veröffentlicht, aber aus den rund 66 professionell aufbereiteten Stunden lässt sich dennoch gut ablesen, wie die Truppe sich dem Klassiker annähert. Wer den Live-Stream verpasste, konnte die Videoaufzeichnungen ansehen, bis zur Premiere am 25. Juni waren die gesamten Clips für ein zahlendes Publikum abrufbar, mittlerweile gibt es nur noch Kurzfassungen auf Youtube.

Jeder Probentag begann um neun Uhr mit einem Aufwärmtraining. Dienstag, 1. Juni, Tag eins des Experiments: Im sogenannten Ashcroft-Room, ein weitläufiger, mit hellem Holz getäfelter Probenraum unterm Dach, stellte sich das 16-köpfige Ensemble im Kreis auf und sprach einander mit dem Bühnennamen an - von albern bis bierernst wurden verschiedene Tonalitäten ausprobiert. Gegen Ende der ersten Woche, am Donnerstag, 3. Juni, fand die eingangs beschriebene Fechtstunde statt. Die zweite Probenwoche startete am Montag, 7. Juni, mit Bewegungscoach Polly Bennett. Auf der Tagesordnung stand der Trauermarsch, die Eröffnungsszene aus "Heinrich VI., Teil eins". Erstmals kam die Bühnenmusik von Paul Englishby zum Einsatz. Zunächst ging jeder Akteur allein im Raum auf und ab, schließlich paarweise und bis zum Ende der Stunde formierte sich ein Trauerzug, der auf jeden Gongschlag zu reagieren vermochte, mit der Bühnenmusik förmlich verschmolzen schien. "Wonderful to watch", so Regisseur Doran. Wie recht er hat!

Unbekanntes Territorium

Um 12 Uhr ging es in den "Lunchtime Rehearsals" um die Umsetzung einzelner Szenen. Mit dem Textbuch in der Hand wurden Schlüsselszenen aufgebaut, Begegnungen zwischen Kontrahenten ausprobiert, wo jede Reaktion noch vorläufig und jedes Verhalten buchstäblich auf die Probe gestellt wurde. Die Atmosphäre wirkte kameradschaftlich, man scherzte, es wurde gelacht, um sogleich wieder konzentriert bei der Sache zu sein. Die für 18 Uhr angesetzten Termine waren Hintergrundgespräche. Regisseur Doran führte etwa ein Interview mit dem Shakespeare-Experten Stephen Greenblatt oder einzelne Schauspielern tauschten sich über ihren persönlichen Zugang zu Shakespeare aus. Bemerkenswert, dass selbst ausgefuchste Shakespeare-Profis, wie die RSC-Ensemblemitglieder mit dem Klassiker hadern.

Das "Open Rehearsal Project" stieß in Großbritannien auf großes Medienecho, wurde vom Publikum gut angenommen und eröffnete kostbare Einblicke in ein bis dahin unbekanntes künstlerisches Territorium. Nachahmer ausdrücklich erwünscht!