Dass Ruhm und Reichtum mit üblen Nebenwirkungen einhergehen, versorgt derzeit Billie Eilish mit Stoff für ihre Lieder: "Dinge, nach denen ich mich einst gesehnt habe, werden mich eines Tages langweilen", heißt es auf ihrem aktuellen, zweiten Album. Ob man die Musik der US-Amerikanerin nun mag oder für faden Befindlichkeitspop hält: Die 19-Jährige weiß jedenfalls, wovon sie singt, hat ihr Debütalbum sie doch 2019 in die Superstarliga katapultiert.

Die Schattenseiten von Glanz und Gloria hatte davor freilich schon Georg Friedrich Händel thematisiert - in einem Oratorium von stark religiöser Prägung. Benedetto Pamphili, Kardinal von Rom, hat 1707 den Text zu "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" beigesteuert, einem barocken Allegorienspiel: Frau Bellezza, die Schönheit, erliegt anfangs den Verheißungen von Madama Piacere, dem Vergnügen. Doch die Herren Tempo und Disinganno (Zeit und Erkenntnis) trichtern ihr so lange die Botschaft von der Vergänglichkeit allen Fleisches ein, bis die Grazie ein demütiges Leben beginnt. Die Musik dazu? Klingt entsprechend fromm, mitunter aber auch bemerkenswert opulent: Für die Auftritte von Piacere zieht Händel nämlich alle Register seines Prunks. Da schillern die Klangfarben in Orgel-Gold, Cembalo-Silber und Holzbläser-Pastelltönen, da tanzen Sechsachtel-Takte in rasenden Rhythmen, da bürgen Kontrasteffekte für Kurzweil: eine Wunderkammer in Noten.

Kampf der Doktrinen

Die Salzburger Pfingstfestspiele haben diesen "Trionfo" heuer ins Haus für Mozart geholt, und dort ist er seit Mittwoch nun auch bei den Sommerfestspielen zu bewundern. Regisseur Robert Carsen hat die Allegorien in eine heutige TV-Casting-Show bugsiert. Frau Bellezza? Ist auf der Spektakelbühne (Gideon Davey) soeben zu "The World’s Next Topmodel" gekürt worden. Schon stöckelt Madama Piacere auf das Glückskind zu, fischt ein "Vogue"-Cover mit, oh Wunder!, Bellezzas Gesicht aus ihrer Handtasche und lässt sich auch als Gastgeberin nicht lumpen: Schampus und Koks für den Shooting-Star und die tanzenden Beautys im Funkelkleid rundum (Choreografie: Rebecca Howell)!

Doch schon haben auch der Spaßbremserich Tempo und sein Freund Disinganno ihre Mission begonnen: Wisse, oh Frau, deine Schönheit welkt! Zu Beweiszwecken lassen sie ein Blumenbeet vermodern und die Tänzer, eben noch quirlige Wirbelwinde, symbolisch in die Grube fahren. 140 pausenlose Minuten dauert es, bis Tempo im Priestergewand und Disinganno im schwarzen Rollkragen (Seelenklempner, Dramaturg, Schlimmeres?) den Sieg davontragen. Halleluja!, der religiöse Tiefgang hat über den Oberflächenglanz gesiegt - und Bellezza gibt schlussendlich ihre Modelpläne auf. Zwingend logisch ist dieses Ende freilich nicht. Was spräche dagegen, die eigene Schönheit im Bewusstsein ihres Verfalls bis zur Neige auszunutzen? Aber nun ja. Dafür besitzt der Moment, in dem Bellezza zu schlichten Klängen von einer leeren Bühne verschwindet, eine jenseitige Entrückungskraft.

Hurtige Klangfarben

Anstelle der schwangeren Melissa Petit verkörpert nun Regula Mühlemann die Anmut im Zentrum. Stimmt zwar - die Schweizerin gerät hie und da in einer Koloraturkurve ins Wanken. Doch sie glänzt auf längeren Melodiestrecken und verleiht dem Liebreiz der Jugend ebenso eine sinnliche Stimme wie dem inneren Konflikt, der sich in heftigen Attacken Bahn bricht. Lawrence Zazzo (wie alle anderen Musiker bereits im Frühling zugange) lässt als Disinganno seinen kristallinen Countertenor mit geschliffenen Piano-Spitzen glitzern; Charles Workman dagegen verkörpert die Zeit mit schwankender Güte: An Charakter und Charisma mangelt es dem Tenor nicht, doch ein wenig an Agilität. Cecilia Bartoli (Piacere) wiederum muss der Zeit langsam selbst etwas Tribut zollen: Im Mezzo der Römerin wächst das Vibrato allmählich zur kritischen Größe. Die Geschmeidigkeit und das Purpur dieser Luxusstimme, die sich erneut durch "Lascia la spina" säuselt, suchen aber weiterhin ihresgleichen.

Und im Orchestergraben? Legen die Musiciens du Prince-Monaco einen so eiligen Kavalierstart hin, dass die Sologeige mehrfach strauchelt. Die Lust am Tempo bleibt, vermittelt sich aber bald schon souverän: Im Rahmen eines nicht üppigen, doch feingliedrigen Klangbilds kostet Dirigent Gianluca Capuano die Schillerfarben und Tanzrhythmen der Partitur elegant aus. Letztendlich Pauschaljubel für alle Beteiligten.