Mit der gestrigen Premiere von "Maria Stuart" sind die Schauspielpremieren der diesjährigen Salzburger Festspiele geschlagen. Viele war es ja nicht. Doch Zweierlei lässt sich problemlos konstatieren: Die beiden Unternehmungen auf der Perner-Insel können als geglückt bilanziert werden. Und: Frauen haben den Theaterproduktionen ihren Stempel aufgedrückt. Die Stars des 2021er-Jahrgangs heißen Lina Beckmann, Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau, Verena Altenberger und Edith Clever.

Lina Beckmann war heuer the King. Genauer gesagt: "Richard The Kid & The King", nämlich Richard III. in Karin Henkels Vermischung von Shakespeares Königsdramen "Richard III." und "Heinrich VI." und Tom Lanoyes "Eddy the King". Wie sie vier Stunden lang über die Bühne der Perner-Insel wirbelte und dabei ihren blutigen, skrupellosen Aufstieg spielend als reinen Sieg der Verstellungskunst deutlich machte, war eine wahrhaft festspielwürdige Performance, von der man froh ist, dass sie ab September im Deutschen Schauspielhaus Hamburg weiter bewundert werden kann.

Der prägnante Shakespeare-Abend hat mit Martin Kušejs Schiller-Inszenierung einige Gemeinsamkeiten. Auch in "Maria Stuart" war rund um die Protagonistin ein starkes Ensemble am Werk, auch hier war das an sich starke Bühnensetting (bei Henkel eine Installation aus heb- und senkbaren Lichtkugeln, bei Kušej eine Gruppe von 30 meist nackten männlichen Statisten) für das Gelingen gar nicht von Belang: Im Zentrum standen die Schauspieler - und das war gut so. Birgit Minichmayr als im Verlies vermodernde Schottenkönigin und Bibiana Beglau als ihre Kerkermeisterin Elisabeth lieferten nicht nur starke Auftritte, sondern auch Beweise dafür, dass sich Schillers Sprache auch heute noch mit Verve und Überzeugungskraft sprechen lässt. Beim sprachlichen Zugriff waren der klassisch schöne Schiller und der schnoddrig-vulgäre Shakespeare glatte Gegenpole - und Belege für den von Schauspielchefin Bettina Hering stets angestrebten Stil-Pluralismus.

Prägnante Bilder für die diesjährige Frauendominanz gab es auch im "Jedermann" zuhauf: Die Buhlschaft auf den Schultern des von ihr ganz verdeckten Jedermann, keck dessen eigene Verse sprechend - das war schon ein richtungsweisender Beginn in dieser Aufführung, die nach wesentlichen Besetzungswechseln zur Neuinszenierung wurde. Verena Altenburger wusste als Buhlschaft deutlich besser, was sie von ihrer Rolle wollte als Lars Eidinger, der als Protagonist allzu deutlich noch auf der Suche war und sich vorübergehend auf die sichere, aber nicht allzu ergiebige Position des weichen Muttersöhnchens zurückzog. Während man auf Eidingers Entwicklung in den kommenden Jahren gespannt sein darf, hat der erstaunlich flexible Regisseur Michael Sturminger wohl bald schon alles durchprobiert. Eines war jedoch entschieden ein Gewinn und sollte bis auf weiteres Bestand haben: Edith Clevers eisiger Tod geht einem durch Mark und Bein.

Bleibt der Versuch, Hugo von Hofmannsthal auch abseits des "Jedermann" als Bühnenautor zu würdigen. Dieser Versuch war gewiss ehrenwert und kann nun abgehakt werden. Das philologisch auch durch manche Parallelmotive zum "Jedermann" interessante Drama "Das Bergwerk zu Falun" muss wohl trotz Jossi Wielers Schürfungen im Landestheater weiter nicht um jeden Preis ans Tageslicht. Statt auf Ausgrabungen sollten sich die Salzburger Festspiele endlich wieder auf Neuschöpfungen konzentrieren. Eine ganze Generation von Dramatikerinnen und Dramatikern wartet auf Aufträge der Festspiele, die sich nach dem ausgiebigen Feiern ihrer nun über 100-jährigen Geschichte nun auf die Gegenwart konzentrieren könnten. (apa)