Während die Theaterbesucher auf der Perner-Insel in Hallein Platz nehmen, sitzen auf der weitläufigen Bühne bereits 30 nackte Männer in Reih und Glied auf dem Boden. Dem Publikum zeigen sie die Kehrseite. In den kommenden zweieinhalb Stunden wird die schweigende Armee nahezu die gesamte Zeit auf der Bühne verharren, wie eine Art lebendes Bühnenbild stehen, sitzen oder laufen sie in der Szenerie herum, die meiste Zeit völlig unbekleidet, manchmal haben sie auch einen Mantel übergeworfen. Wozu das alles gut sein soll? Ein Sinnbild für den gemeinen Pöbel? Die Männerwelt schlechthin? Testosteron-Bomber? Regisseur Martin Kušej überlässt die Deutung dem Publikum. Doch im Lauf der Handlung werden die stummen Statisten zunehmend unerheblich, sie verstellen bestenfalls den Blick auf das eigentliche Drama, auf dem Spielplan steht Friedrich Schillers "Maria Stuart".

Unter Grapschern

Das Historiendrama, ein Meisterwerk der Weimarer Klassik, führt die letzten Lebenstage der bereits zum Tod verurteilten Maria Stuart vor. Im Grunde ist das ganze Stücke ein Gezerre, wann das Urteil endlich vollstreckt werde, oder ob es sich doch noch verhindern ließe. Maria Stuart ist Dreh- und Ankerpunkt der Tragödie, die sich um religiöse Machtkämpfe dreht (Katholiken versus Protestanten) und zerstrittene Völker (Schotten versus Briten). Aber Schiller interessiert sich nicht nur für die historischen Auf- und Umbrüche des 16. Jahrhunderts, sondern vor allem für die Persönlichkeiten der beiden Königinnen: Elisabeth wird häufig als kühl-nüchterner, geradezu entsexualisierter Machtmensch dargestellt, hingegen die leidenschaftliche Maria, der die Männer zu Füßen liegen. Die Heilige und die Hure, seit biblischen Zeiten ein gängiges Gegensatzpaar, um Frauen als anbetungswürdig oder verdammenswert außen vor zu lassen.

Auch Kušej hegt und pflegt den antiquierten Kontrast: Birgit Minichmayr verkörpert Maria Stuart mit roter Zottelperücke und wird andauernd von ihren Kerkermeistern begrapscht, während Bibiana Beglau Elisabeth im eleganten Business-Anzug und mit akkurat sitzender Frisur darstellt. Zu den besten Momenten der Aufführung gehören die Monologe der beiden Darstellerinnen: Wenn sich die beiden erstklassigen Bühnenkräfte auf sich allein gestellt ihrer verzweifelten Lage bewusst werden, gewinnt man einen Eindruck davon, was aus diesem Theaterabend werden hätte können: ein intensiver und beinharter Schlagabtausch. Über weite Strecken verharrt die Aufführung indes im schieren Aufsagetheater, bei dem vor allem die männlichen Gegenspieler geradezu schablonenhaft wirken: Itay Tiran stellt den feinsinnigen Intriganten Graf von Leicester als Bierdosentrinkenden Prolo dar, Rainer Galke muss als großflächig tätowierter Wärter der inhaftierten Maria ins Maul schauen, als wäre sie ein Gaul, am ehesten gelingt es noch Norman Hacker, als durchtriebener Höfling und Baron von Burleigh Profil zu entwickeln.

Kušejs Inszenierung kümmert sich offenbar weniger um eine ausdifferenzierte Schauspielerführung, als um wuchtige szenische Bilder. Der Burgtheater-Direktor ist bekannt für seine bildmächtigen Inszenierungen, die, wenn das Kalkül aufgeht, Figurenkonstellationen mit expressiver Klarheit darstellen. Bei "Maria Stuart" sollten wohl die männlichen Statisten den Part der atmosphärischen Verdichtung übernehmen. Doch sind die szenischen Bilder dieses Mal etwas zu schlicht geraten. Ein Beispiel: Marias Gang zum Schafott wird von den nackten Männern gesäumt, sie liegen allesamt am Boden, wie aufgespießt von Bühnenschwertern, dazu der Techno-Sound von Bert Wrede und wabernder Theaternebel - das Abbild eines trostlosen Friedhofs der Unschuldigen ist mehr als klischeehaft geraten. Viel Aufwand, erstaunlich geringe Wirkung.