Selten waren sich zwei so einig: Samuel Beckett konnte sich fürs Genre Oper ebenso wenig erwärmen wie Morton Feldman. Der eine hegte ebenso Misstrauen gegen vertonte Worte wie der andere. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit war "Neither". Kein nacherzählbarer Inhalt, eine mehr als vage Botschaft, Bühnentauglichkeit null - aber packendes Musiktheater!

Nicht rekordtauglich ist die Reduktion auf eine Sopranistin: Die Ein-Personen-Oper gab’s schon davor. Aber wäre die Zahl der Wörter ein Maßstab, "Neither" gebührte als Oper wahrscheinlich ein Platz im Guinnessbuch der Rekorde. Wörter lieferte Beckett nämlich genau 87 ab. Ist aber egal, mit der Semantik hielt’s Feldman sowieso nicht, "Neither" besteht in der Hauptsache aus Vokalisen, zu Beginn überhaupt nur aus einem einzigen gesungenen Ton. Der dafür auf Langstrecke.

"Der Ton wird sehr schön ausgesungen", schrieb Feldman an Beckett. Aber was tut sich nicht alles rund um diesen einen Ton. Pure Malerei, wenn etwa Kontrabässe und große Trommel einen in sich oszillierenden Klang entwerfen, etwas Flächiges, das rhythmisch von quirligem Leben durchpulst wirkt. Überhaupt - Leben. Für Feldman’sche Verhältnisse geht’s rund in "Neither". Der Meister der Langsamkeit, des notorischen Zwangs zum Stillstand, hat in dieser seiner Schaffensspätphase nicht nur von grafischen Partituren auf konventionelle Notenschrift umgestellt. Im Fall von "Neither" kam auch ordentlich Drive à la Minimal music hinein, der freilich immer kontrastiert mit dem Flächigen. Da wird der eine Vokal-Ton um je einen Halbtonschritt nach oben und unten ausgeweitet, und diese stereotyp durchgehaltene melodische Wellenbewegung trifft auf gehaltene, fein abgestufte Zwölftonakkorde. So spannend kann’s hergehen, auch wenn für einen oberflächlichen Hörer eigentlich "nichts los" ist.

Sarah Aristidou war die Solistin in diesem letzten Konzert in der Festspiel-Reihe "Zeit mit Feldman". Sie hat ihre Stimme erblühen lassen, und das wirkte wie Millimeterarbeit eingeschrieben in den Raum. Die Kollegienkirche weckt ob der Nachhallzeiten ja bei Musikern wie Zuhörern gleichermaßen nicht selten Misstrauen. Aristidou hat dann Schäuflein um Schäuflein an Expressivität nachgelegt und einen imaginären Bogen gespannt bis zu jenem finalen Furioso, dem ein gerüttelt Maß an Unerbittlichkeit eignet. Verdienter Jubel dafür, wie die Sopranistin Tonschönheit und Energie in Gleichklang brachte.

Das klappt natürlich nur so, wenn im Orchester das Chroma bis ins Letzte stimmt. Alle Achtung vor dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien. So durchsichtig, klar strukturiert, wie zum Angreifen plastisch und ja, schmeichlerisch oft im Klang: Da wusste der Mann am Pult, der kurzfristig eingesprungene Grazer Opernchef Roland Kluttig, genau, wie er die Gewichte verteilt haben wollte. Und das Orchester hat seine Vorgaben wohl zu 100 Prozent umgesetzt. "Neither" - das ist viel Arbeit für Analytiker der Form und Harmonie, und die Text-Exegeten haben mit den nebulosen Schatten-Bildern des Samuel Beckett auch nicht wenig zu tun. An diesem Abend aber war die Wiedergabe geeignet, die Emotion der Hörer unmittelbar zu wecken. Eben doch eine "Oper".