Die aktuellen Abendnachrichten aus Afghanistan, vom Fall Kabuls. Verschreckte, ins Ungewisse gestürzte Zivilisten. Menschen, die alle Sicherheit eingebüßt haben. An einem solchen Abend wie diesem Sonntag braucht man nicht zu erklären, warum es sinnvoll, nachgerade ein Gebot der Stunde ist, Luigi Nonos als Azione scenica bezeichnetes Stück "Intolleranza 1960" aufzuführen. Es ist so etwas wie die opernhafte Allegorie von Flucht und Beinahe-Ankommen, von unvorstellbarem Drangsal und trotzdem herübergerettetem (Über-)Lebenswillen. 1960, das ist das Jahr, in dem der politisch so engagierte Luigi Nono (1924-1990) dieses Textkonglomerat aus Zitaten von Brecht über Majakowski bis Sartre zusammenstellte und in eindrucksvolle Musik-Tableaus verwandelte.

Was war damals, dass ihm das Thema so sehr unter den Fingern brannte? Mit der seismografischen Empfindlichkeit eines Künstlers hatte Nono das Erstarken der Neofaschisten in seiner Heimat registriert. Diese haben die Uraufführung 1961 im Teatro La Fenice in Venedig denn auch prompt zur Randale genutzt. "Intolleranza" ist freilich mehr als eine Reaktion auf konkrete Anlässe. Die puzzlehafte Handlung passt auf viele Lebenssituationen in Krisenherden. Kaum ein künstlerisches Werk (und gewiss keine Oper sonst aus dem 20. Jahrhundert) findet sein Anliegen im Heute so eindringlich bestätigt.

Mit Naturkatastrophe

"Intolleranza": Darauf stößt "un emigrante", ein zum Auswandern entschlossener Bergarbeiter, auf Schritt und Tritt. Seine Vertraute, die ihm in der Fremde Halt gegeben hat, hat null Verständnis für den Wunsch des Gefährten, in die alte Heimat zurückzugehen. Auf der Reise gerät er in eine Demonstration, wird verhaftet, verhört, gefoltert, in ein Konzentrationslager gesteckt. Nach der Flucht findet er eine neue Gefährtin, eine, die sein Anliegen mitträgt. Sie bleiben freilich zwei Einsame in der Menschenmenge. Und als das heimatliche Dorf schon in greifbarer Nähe ist, gibt’s dort eine Naturkatastrophe, eine Überschwemmung, eine "neue Sintflut". Da hilft nur noch Brecht: "Ihr aber, wenn es so weit sein wird, dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist, gedenkt unser mit Nachsicht."

Nono wünschte sich einen großen Platz im Freien für seine packenden Musik-Flächen. Die Salzburger Felsenreitschule ist nah dran. Da ist der Orchestergraben angehoben, die Wiener Philharmoniker drängen sich. An beiden Bühnenseiten Schlagwerk-Batterien, die allein durch ihr Dasein Furcht einflößen. Ingo Metzmacher waltet über die Klangmassen, wobei man sich wünschen hätte können, weniger Schlagzeug, mehr Orchester zu hören. Die Philharmoniker erfüllen gerade die lyrischen Komponenten der komplexen Partitur, an denen es nicht fehlt, mit viel Wärme, und das ist vielleicht wichtiger als Schlagkraft und Klangschärfe.

Auf der Bühne lebt Regisseur Jan Lauwers das aus, was sein Markenzeichen ist - die pure Masse. Der Staatsopernchor, der diffizil-madrigaleske Stücke zu meistern hat und diese mit gebotener Klar- und Feinheit umsetzt, ist ebenso in Dauerbewegung wie eine Tanzgruppe der Salzburger Tanzakademie SEAD mit ihrem "Bodhi project". Da wird en masse geflohen und zurückgehalten, geschlagen und gelitten, Folterknechte machen sich über Wehrlose her. Es fällt einem Goyas Bildzyklus "Desastres de la guerra" ein, oder man assoziiert gleich Brueghel’sche Höllenvisionen. Ein Gerenne und Gezappel, dass einem schwindlig werden kann. Mit Handkameras wird es gefilmt und immer wieder auf die Wände projiziert. Horror vacui dräut hier gewiss nicht, es drängt sich der Wunsch nach Reduktion, nach fokussierter Regiearbeit auf. Weniger wäre mehr, man verstünde das Anliegen schon.

In all der Bewegungsopulenz bleiben die Sängerinnen und Sänger dann nämlich eher Figuren an der Rampe. Sean Panikkar (un emigrante) meistert die exponierte Tenorpartie souverän, Sarah Maria Sun (la sua compagna) bringt viel Charisma ein. Vor allem aber ist die Sopranistin Anna Maria Chiuri zu nennen (una donna). Sie ist mehr als die andern in die wirbelige Choreografie eingebunden, hält eindrucksvoll mit den Profi-Tänzern mit und findet zwischen fordernden Bewegungsakten zwingende Ruhe für lyrische Kantilene.

"Intolleranza 1960", das ist ein Mahnmal zur Lage unserer Welt. Besetzungstechnisch ist das unterstrichen durch eine Mannschaft wirklich "aus aller Herren Länder". 167 Ausführende, 40 Herkunftsländer, 30 Sprachen verrät eine Projektion vor Vorstellungsbeginn. Um sich das zu leisten, braucht’s eben Festspiele.