Wie kam es, dass ein Kleinstadtfestival nach bettelarmem Beginn zu Weltruhm aufstieg? An der Geschichte der Salzburger Festspiele hat sich eine ganze Autorenriege abgearbeitet - die Schriften reichen von der kulinarischen Hommage bis zur akribischen Analyse. Michaela Schlögl, Verfasserin zahlreicher Künstlerbiografien (und auch freie Mitarbeiterin dieses Blattes), strebt in ihrem Band eine Quadratur des Kreises an: Ihr Band "Die Festspielmacher" legt auf Anspruch ebenso Wert wie auf eine ansprechende Gestaltung. Ein Kaleidoskop an Szenenbildern, Porträts und Faksimiles ziert die faktenstarken Ausführungen. Die rund 300 Seiten sind zwar bereits im Vorjahr zur Feier des 100. Festivalgeburtstags erschienen, lassen sich - Glück im Corona-Unglück - aber auch noch heuer aus dem gleichen Anlass lesen: Nach der verknappten Festivalausgabe von 2020 hat die Mozartstadt ihre Jubelfeierlichkeiten ja auf den aktuellen Sommer ausgedehnt.

Schlögl verleiht der Festspielvergangenheit lebendige Kontur: 17 Kapitel sind ausgewählten Taktgebern des Salzburger Kunsttreibens gewidmet, von den Gründervätern bis zu den heutigen Masterminds Markus Hinterhäuser und Helga Rabl-Stadler. Stimmt zwar: Der Abschnitt über Hugo von Hofmannsthal porträtiert den Festspiel-Ahnherrn denkbar unaufgeregt im Kontext seiner Zeit. Dafür verzichtet er auf die moderne Unsitte, Hofmannsthals Faible für Begriffe wie "Volk" mit einem Nationalismus heutiger Prägung gleichzusetzen. Erfreulich auch, dass Schlögl nicht nur Weltstars vor den Vorhang holt, sondern auch einen Pionier der Mozartpflege, nämlich Bernhard Paumgartner.

Machtkämpfe en masse

Richtig Fahrt nimmt der Band freilich auf, wenn er nebst den Kunsterfolgen auch Kabalen und Konflikte schildert. Als Herbert von Karajan (der sein Festivaldebüt 1933 unter dem Taufnamen Heribert gab) allmählich die Allmacht an sich riss, erst aber im Hintergrund seine Entnazifierung und den Abgang des Über-Maestros Furtwängler abwarten musste. Oder wie sich der Komponist Gottfried von Einem, nach dem Krieg als Innovator ins Boot geholt, selbst ins Aus manövrierte: Als er Bertolt Brecht im besetzten Österreich von 1950 eine Staatsbürgerschaft verschaffte, vom scheel beäugten Stalin-Preisträger aber nie den erbetenen "neuen Jedermann" erhielt und in einer Festspielsitzung die Contenance verlor. Und dann wären da noch die Herrenjahre von Gerard Mortier, jenem Feuerkopf, der Salzburg nach drei Karajan-Dezennien frischen Wind und verwegene Produktionen bescherte, sich mit den Wiener Philharmonikern aber dermaßen zankte, dass ihnen Wiens Bürgermeister Helmut Zilk den roten Teppich für ein Parallel-Festival auszurollen gedachte. Freilich: Nicht all die großen Eklats, oft gepaart mit künstlerischem Glanz, haben Eingang in das Buch gefunden (etwa die Ära Alexander Pereira). Das spricht aber weniger gegen Schlögls Band als für die Lebensfülle der Festspiele.