Wer "Bambi" im Titel liest, denkt seit 1942 an Walt Disney. Geschrieben wurde der vom US-Produzenten Zeichentrick verfilmte Stoff freilich 1923 von einem Österreicher: dem Jäger Felix Salten. Er gab seinem Buch den Untertitel "Eine Lebensgeschichte aus dem Walde" – und dieser Titel ließe sich auch über die aktuelle Musical-Adaption von "Bambi" im Mödlinger Kinder- und Jugendtheater "teatro" von Norberto Bertassi stellen. Auf die Bühne der Europa Halle in Mödling bringt er das Stück (80 Minuten ohne Pause) nun gemeinsam mit Peter Faerber, der vor der Premiere laut eigenem Bekunden noch nervöser war als das 15-köpfige Ensemble, das teilweise gerade erst der Volksschule entwachsen ist. Völlig zu Unrecht übrigens, denn die Kleinen machen das ganz großartig.

Bertassi (Musik) und Faerber (Libretto und Regie) haben ihr Musical "Bambi" als "großes Stück für kleine Leute" konzipiert, sprich: mit sehr jungen Darstellern für sehr junges Publikum. Ob die Altersangabe ab 3 Jahren allerdings vielleicht doch etwas tief gesetzt ist, mögen die Eltern der potenziellen Zuseher selbst entscheiden. Denn Bambis Mutter (Anna Zagler) stirbt auch auf der Mödlinger Bühne – freilich möglichst unaufgeregt dargestellt. Im Mittelpunkt steht die große Herausforderung für den jungen Weißwedelhirschen Bambi (Amarachi Ahamefule), sich im Wald zu bewähren. Und das muss er nicht alleine, denn er hat viele Freunde um sich: das Kaninchen Klopfer (Katharina Sophie Leitgeb) samt Geschwistern (Hanna Auerböck, Leonhard Schwaiger, Florentin Koch), den Iltis Blume (Kaela Hitsch), die Streifenhörnchen Koko (Konstantin Pichler) und Kiki (Lydia Kodym), das Hirschmädchen Faline (Anastasija Mila Krstic) – und natürlich seinen Vater (Johannes Pinkel), den Prinzen des Waldes.

Blume, Klopfer und Faline. 
- © www.teatro.at

Blume, Klopfer und Faline.

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Johannes Pinkel legt seine Rolle dabei sehr ambivalent an. Die erste halbe Stunde ist er der große Abwesende: Wie eine Graue Eminenz ist er da und auch wieder nicht. Er taucht immer wieder kurz auf und gleich wieder ab, tänzelt grazil über die Bühne, schweigt aber und gibt sich unbeteiligt. Erst nach und nach scheint ihm bewusst zu werden, dass er sich um seinen Sohn kümmern sollte. Und das tut er auch, wenngleich nicht immer intensiv. Aber vielleicht möchte er Bambi damit auch zu mehr Selbständigkeit erziehen.

Die Lücken, die dadurch entstehen, füllen die Freunde des kleinen Hirschen aus, die 80 Minuten lang über die Bühne wuseln, wie aufgeweckte Tierkinder es halt tun. Die Choreografie von Beatrix Gfaller ist genauso unterhaltsam wie Faerbers Liedtexte (Arrangement und Orchesterleitung: David Schieber). Und genauso abwechslungsreich. Der Inhalt deckt viele Themen ab: Freundschaft und Loyalität natürlich, aber auch Geschwisterstreit und -liebe, Verlust und Trauer, Verliebtheit, aber auch Neid und Pubertät (insofern wäre das Stück auch etwas für Ältere) – denn im Wald treibt sich auch der halbstarke Hirschbock Ronno (Tobias Hornik-Steppan) herum, der gemein zu allen ist, insbesondere zu Bambi. Auch seine Rolle ist allerdings bei genauerem Hinsehen differenzierter. Denn im Grunde sucht Ronno einfach seinen Platz in der Gemeinschaft des Waldes: für die Kleinen ist er zu groß und für die Großen zu klein. Mitten in der Pubertät, weiß er nicht, wohin mit sich selbst.

Ärger mit dem Pubertier: Dass Ronno (l.) gemein zu Bambi (r.) ist, liegt auch daran, dass er noch seinen Platz im Wald sucht. 
- © www.teatro.at

Ärger mit dem Pubertier: Dass Ronno (l.) gemein zu Bambi (r.) ist, liegt auch daran, dass er noch seinen Platz im Wald sucht.

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Dazu kommen externe Gefahren: Jäger, ein Waldbrand, ein gefährlicher Hund (Larissa Cerny) – es geht auch um den Umgang der Menschen mit der Natur. Über all dem segelt hoch in der Luft zwischen den Baumwipfeln die weise Eule (Yvonne Preisler), die allerdings auch ziemlich nerven kann und stets ein Fettnäpfchen findet, in das sie flattern kann. Und der gerissene Fuchs Snuffe (Lola Maria Nawrata) schaut meist quasi vom Spielfeldrand aus zu und gibt seinen Senf dazu. Doch auch Snuffe wird noch draufkommen, dass man mit Freunden besser dran ist als alleine. 

Das ist wohl die größte Lehre, die Faerbers und Bertassis kleines Publikum aus dem Musical ziehen kann. Verpackt wird sie in 80 Minuten kunterbuntes Treiben von 15 Kindern und jungen Erwachsenen, die Kostümbildnerin Brigitte Huber und Maskenbildnerin Renate Harter mit viel Liebe zum Detail in sehr liebenswerte Tiere verwandelt haben. Die Ovationen am Ende sind stehend und das hochverdient.