Überraschungsmomente oder gar unerwartete Wendungen sind eine schwierige Sache in der Oper. Sie sind selten ein Gewinn, geht es im Musiktheater doch meist darum, ein bekanntes Werk neu in Szene zu setzen, womöglich einen anderen Blickwinkel zu öffnen oder einen erhellenden Gegenwartsbezug herzustellen. Regisseur Michael Sturminger sieht das anders, er hat Puccinis "Tosca" in Salzburg lieber umgeschrieben.

Das zentrale Liebespaar aus der eifersüchtigen Sängerin Floria Tosca und dem kämpferischen Maler Mario Cavaradossi freilich bleibt ein tragisches, beide erwartet auch im Großen Festspielhaus im Finale der Tod. Anders als ihren Gegenspieler Scarpia, der den (im Original tödlichen) Messerstoß Toscas überlebt und daher selbst zur Stelle ist, um der ihn verschmähenden Diva den Todesschuss zu verpassen. Hier geht keine große Liebende in den heroischen Freitod, hier wird sie brutal wie banal hingerichtet. Abgesehen von einem Überraschungsmoment bringt das dem Stück jedoch keinen Mehrwert.

Auch die weiteren, teils knalligen Regieeinfälle Sturmingers bleiben an der Oberfläche des Settings in einem heutigen, von der Mafia dominierten Italien: dunkle Sonnenbrillen kennzeichnen die bösen Schergen, Knaben die Unschuld, die schon in diese dunkle Welt hineingezogen wird. Dass es Buben sind, die die Exekution Cavaradossis (mit) durchführen, unterstreicht die Ausweglosigkeit aus dem umfassenden brutalen System von Angst, Folter und Gewalt. In die Figuren, in das Drama selbst dringt Sturminger mit seiner Lesart jedoch nicht vor. Bis auf Äußerlichkeiten könnten seine gut gearbeitete Personenregie sowie die üppig historisch angehauchten Bühnenräume von Renate Martin und Andreas Donhauser auch aus den 1950ern stammen. Ihr Umfeld interessiert den Regisseur deutlich mehr als die Geschichte der "Tosca" selbst. So bleibt Sturmingers Interpretation, sie hatte Ostern 2018 hier Premiere und wurde nun in die Sommerfestspiele übernommen, ein seltsamer Hybrid aus konservativem Handwerk umkränzt von punktuell knalligen Showelementen.

Routinierte Debüts

In die erste dieser beiden Kategorien lässt sich die musikalische Seite der Premiere am Samstag Abend einordnen. Obwohl Anna Netrebko an der Seite ihres Ehemannes Yusif Eyvazov ihre erste Salzburger Tosca sang, kamen die beiden über professionell eingeübte Routine nicht hinaus. Netrebkos Sopran bekommen die dramatischen Partien der jüngsten Vergangenheit nicht nur gut, ihre Expressivität ist rauer und flächiger geworden. In ihrer "Vissi d’arte"-Arie blitzt die filigrane, differenziert schillernde Strahlkraft Netrebkos zwar auf, den ganzen Abend halten kann sie diese seelenvolle Glut nicht. Der absolut robuste Tenor von Yusif Eyvazov ist etwas differenzierter geworden, ein stämmiges Mezzoforte jedoch nach wie vor sein Universalkonzept für jede sängerische Lebens- und Sterbenslage.

Ludovic Tézier ist ein bieder eleganter Scarpia mit grauem Haar, ebensolchem Anzug und Hometrainer im schicken Palazzo-Büro. Das Zentrum des dämonischen Bösen ist er nicht, selbst sein Begehren bleibt kühl machthungrig. Stimmlich agiert er mit seinem sonor-geschmeidigen Bariton nicht sehr abgründig, aber grundsolide. Diesem sängerischen Beigeschmack der routinierten Professionalität kann auch Marco Armiliato am Pult der Wiener Philharmoniker nichts entgegensetzen. Seine solide Lesart setzt auf gedehnten Breitband-Sound, deckt mitunter die Sänger zu und dringt kaum in die Tiefenschichten der Partitur vor.

Verhaltenen Jubel gab es für die Musiker, lautstarke Buhs für die Regie. Ein in jeder Hinsicht lauer Abend, der mehr das Flair einer Repertoirevorstellung atmete als das einer glanzvollen Festspielpremiere.