Wer etwas erfahren will über die prächtigste, aufwändigste und mit gut zehn Stunden Spieldauer wohl auch längste Oper, die Wien je gesehen hat, muss bloß auf die Homepage des Theatermuseums gehen und dort die virtuelle Ausstellung "From real life into the world of art" anklicken.

"From real life into the world of art" ist kostenlos zugänglich und wurde im Rahmen des Forschungsprojekts ART-ES umgesetzt. Das ist eine Kooperation internationaler Kunstmuseen wie Wiener KHM, Prado in Madrid und Städel-Museum in Frankfurt, bei der neue Wege gesucht werden, wie sich kunstwissenschaftliche Inhalte digital präsentieren und vermitteln lassen. "From real life into the world of art" beinhaltet derzeit zwölf virtuelle Räume, die sich mit Aspekten europäischer Festkultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert beschäftigen, weitere drei Räume sind in Planung.

Zur wohl berühmtesten Wiener Barockoper gelangt man über das Online-Fenster "Il pomo d’oro" ("Der guldene Apfel"). Im Jahr 1668 wurde dieses Mega-Spektakel an zwei Tagen mit einer Spieldauer von je vier bis fünf Stunden im Wiener Hoftheater uraufgeführt. Die Oper handelt von der mythologischen Geschichte des Paris-Urteils, der damals weithin bekannte Theateringenieur Lodovico Ottavio Burnaccini war für die Ausstattung zuständig, es gab 23 Bühnenbilder, außerdem sind zahlreiche Schaukämpfe und Ballette überliefert. Mit Hilfe der Bühnenbilder und des erhaltenen Librettos wird das Event in einem 30-minütigen Film von Kuratorin Daniela Franke nacherzählt.

Technikverliebt

Eine weitere filmische Rekonstruktion bietet das Online-Fenster "Sieg=Streit deß Lufft und Wassers (1667)". In diesem zweiten Beitrag des Wiener Theatermuseums beschäftigt sich Kurator Rudi Risatti mit einem "Freuden-Fest zu Pferde", das anlässlich der Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit der spanischen Infantin Margarita Teresa aufgeführt wurde. Das Spektakel mit mehr als 1300 Mitwirkenden, Pferde-Quadrillen, Maschinen und Wagen wurde am 29. Jänner 1667 im Burghof in Wien gezeigt. Zahlreiche Kupferstiche und historische Bildmaterialien sind erhalten, die Risatti nun zu einem neunminütigen Film zusammenfügt, der einem das mehrstündige Spektakel anschaulich näher bringt.

Die opulente Festkultur der frühen Neuzeit war nicht nur bloßer Zeitvertreib, der enorme Aufwand diente vielmehr dazu, die Macht der regierenden Dynastien zu demonstrieren. Da die höfischen Feste uns heute völlig fremd erscheinen, eignen sich experimentelle mediale Darstellungen hervorragend, um diese Ereignisse besser zu erfassen. Überhaupt war die frühe Neuzeit eine Epoche des geistigen und kulturellen Aufbruchs, eine Phase der technischen Erneuerungen, da ist es nur passend, sich gerade dieser Zeit mit neuen technischen Mitteln anzunähern.