Der Parthenon in Athen wurde im fünften Jahrhundert v. Chr. im Rekordtempo hochgezogen. Archäologen schätzen die Bauzeit auf 14 Jahre. Die französische Performerin Phia Ménard braucht für ihren Nachbau des Parthenon auf offener Bühne eine knappe Stunde. Beim antiken Tempel wurden kostbare Materialien wie Marmor und Elfenbein verwendet, Ménard arbeitet ausschließlich mit Pappkarton. Während in der Antike Hundertschaften an Handwerkern zugange waren, rackert sich die Performerin in ihrer prächtigen Punk-Rüstung ganz allein auf der Bühne ab. Es ist Schwerarbeit, bis aus 200 Kilo Papier ein Gebilde entsteht, das dem antiken Vorbild gleicht.

Die Performance "Maison Mère" (Mutterhaus) entstand 2017 für die documenta in Kassel, gastierte bereits 2019 bei den Wiener Festwochen und war der Überraschungshit von Christophe Slagmuylders erster Saison als Intendant.

"Maison Mère" ist Teil eins einer Trilogie, mit dem Gesamtwerk "La Trilogie des Contes Immoraux (Pour Europe)" (Unmoralische Geschichten für Europa) eröffnen die Festwochen nun ihre zweite Spielhälfte in der Halle E im Museumsquartier. Pandemiebedingt finden die Festwochen heuer in zwei Ausgaben statt, bis Ende September stehen noch eine Reihe an Premieren an.

Hohe Priesterin des Pathos

Pia Ménards dreistündige Aufführung sollte wohl ein programmierter Höhepunkt werden, doch leider geht das Experiment nicht ganz auf. "Maison Mère" besticht durch ein schlichtes Konzept, das mit geradezu unerbittlicher Konsequenz auf der Bühne umgesetzt wird: Nachdem Mènard eine Stunde lang den Papp-Parthenon mühevoll aufgebaut hat und das Ding endlich halbwegs stabil steht, setzt ein Theaterdonner ein und es regnet in Strömen. Literweise ergießt sich das Nass auf die Bühne. Nach wenigen Minuten stürzt das papierne Gebilde krachend in sich zusammen und der gesamte Bühnenraum versinkt im dichten Nebel. So wird die 90-minütige Performance zu einer phänomenalen Meditation über die Vergeblichkeit menschlichen Strebens.

Auf den Ruinen von "Maison Mère" entsteht Teil zwei, "Temple Père" (Vatertempel): Eine Performerin im weißen Anzug (Inga Huld Hákonardóttir) bringt als Hohe Priesterin mit rituellen Gesten und nordischen Gesängen vier Arbeiter dazu, einen Turm aus Holzplatten zu erbauen.

Das Prinzip ist ähnlich wie in "Maison Mère": Vor den Augen des Publikums entsteht in Echtzeit ein erstaunliches Bauwerk - eine Stunde lang wird nun ein etwa neun Meter hoher Turm errichtet. Siehe: Turmbau zu Babel. Wieder bestaunt man die Präzision im Umgang mit dem Material, bewundert die enorme Arbeitsleistung der vier Akrobaten, die in schwindelerregender Höhe herumklettern, dabei äußerst elegant und effizient die Spannplatten ineinanderstecken. Die sorgfältige Planung der Abläufe verdient jedes Lob, aber die Bau-Performance wird zunehmend langatmig, der künstlerische Mehrwert fragwürdig, obwohl das Ganze mit bombastischer Musik von Ivan Roussel aufgeladen wird. Vielleicht liegt es genau daran. "Maison Mère" basiert auf Reduktion, die Denkräume eröffnet, während "Temple Père" allzu monumental angelegt ist und in Richtung Pathos abdriftet.

In Teil drei, "La Rencontre Interdite" (Verbotene Begegnung), tritt erneut Phia Ménard in Aktion: Sie klettert unbekleidet den Turm herab und besprüht abschließend einen Plastikvorhang mit schwarzer Farbe. Der Versuch einer Auslöschung? Ein Neuanstrich für Europa? Ein enigmatisches Ende.