Nachtschwarz hebt die Performance "Altamira 2042" von Gabriela Carneiro da Cunha in der Halle G im Museumsquartier an. Das Publikum findet sich nur mithilfe der Platzanweiserinnen und deren Taschenlampen zurecht. Geht es nach der Performerin, nimmt man idealerweise am Boden Platz.Das Geschehen findet wie auf einem Laufsteg meist in der Mitte statt, rechts und links davon sitzen die Zuschauer.

Die allgegenwärtige Dunkelheit macht durchaus Sinn, das Thema der 90-minütigen Aufführung ist düster: Es geht um die Abholzung des Amazonas und das Aufstauen des brasilianischen Flusses Xingu zur Profitmaximierung.

Am Beginn der Performance bittet Carneiro da Cunha sieben Frauen aus dem Publikum, ihr im Lauf der Darbietung zu assistieren. Dann passiert gut 15 Minuten nicht sonderlich viel, nur aus den Lautsprechern vernimmt man Geräusche des Waldes. So klingt es wohl im Amazonas. Der Geräuschpegel ist ziemlich hoch, was für Misophoniker ein Problem darstellen könnte.

Die Performance ist ein Erlebnis für alle Sinne. - © Nereu Jr
Die Performance ist ein Erlebnis für alle Sinne. - © Nereu Jr

Überhaupt kommt den beleuchteten Boxen während der gesamten Darbietung eine tragende Rolle zu: Teilweise sind sie die einzig illuminierten Elemente im Raum, sie werden von der Performerin immer wieder neu arrangiert und sogar auf dem Kopf getragen. Außerdem stehen die High-Tech-Geräte in einem frappierenden Kontrast zu der sonst dargebotenen indigenen Ursprünglichkeit: Carneiro da Cunha singt, tanzt, verrührt Wasser mit Lehm und ist dabei meist vollkommen nackt. In dieser ritualisierten Performance wird das Publikum zum Mitmachen angeregt, gegen Ende werden etwa Musikinstrumente wie Rasseln oder Trommeln verteilt.

Außerdem sieht man Filmaufnahmen aus dem Amazonasgebiet, in denen Indigenas von der Zerstörung ihres Lebensraumes für den Bau des Wasserkraftwerks von Belo Monte erzählen.

Viele Ablenkungen vom Kern der Botschaft

Die Mission von Carneiro da Cunha ist klar: Die brasilianische Schauspielerin, Regisseurin und Forscherin thematisiert, dass die Mächtigen für Wasser und Gold einen Ökozid betreiben. Sie zeigt, dass jene, die die Klimakrise am wenigsten verursachten, am meisten von ihr betroffen sind - und umgekehrt. Ihr gelingt somit eine Kombination aus Kunst und Aktivismus. Auch die spirituelle Komponente der Indigenas kommt nicht zu kurz. Im Laufe der Performance gerät diese Botschaft jedoch etwas aus dem Fokus, da zu viele andere Elemente Raum einnehmen.

Die Künstlerin begibt sich in eine Art Gestell, in dem sie sich den Beamer auf den Kopf schnallt und mit den Händen eine Tastatur bedient. Dabei bewegt sie den Kopf so, dass das projizierte Bild immer wieder von der dafür vorgesehenen Wand verschwindet. Absichtsvolle künstlerische Interventionen, die jedoch dazu führen, dass das Publikum, kurzfristig geblendet ist und viele Aufnahmen versäumt. Auch die von Carneiro da Cunha ad hoc getippten Zeilen lenken ab und tragen nicht zu mehr Verständnis bei.

Publikum als Teil des Widerstands

Spannend ist die starke Position der Frau. Auch in den Filmaufnahmen wird herausgearbeitet, dass Frauen mit dem Fluss von jeher stärker verbunden sind, aber auch am meisten unter der Zerstörung des Lebensraumes leiden.

Der Titel der Performance "Altamira 2042" bezeichnet einerseits einen Ort am Rio Xingu, deutet aber möglicherweise auch eine Zukunftsvision an.

Gegen Ende der Vorstellung wird das Publikum selbst zu Kämpferinnen und Kämpfern gegen den Staudamm ernannt. Man kann gar nicht anders, als dieser Ungerechtigkeit die Stirn zu bieten.

Die Performance lässt einen mit einem stärkeren Bewusstsein für die Probleme Amazoniens zurück, schöpft jedoch nicht ihr ganzes Potenzial aus.