Der "Jedermann" am Domplatz, Flaggschiff und Cash-Cow des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele, erfuhr in dieser Saison ungeahnte Aktualität. Die Buhlschaft, wohl eine der uninteressantesten Nebenrollen der Theaterliteratur, wird üblicherweise im Seitenblicke-Ressort abgefeiert - vom Kostüm bis zur Frisur bleibt so gut wie nichts unkommentiert.

In diesem Jahr schossen indes nicht nur die Boulevard-Pistoleros. Dank Verena Altenberger wurde eine veritable Sexismus-Debatte in den Feuilletons geführt. Stein des vermeintlichen Anstoßes: Altenbergers Kurzhaarfrisur. Die Schauspielerin habe, wie sie in mehreren Interviews beteuerte, sich von einigen Kritiken in der Beschreibung ihres Aussehens herabgesetzt gefühlt und erfuhr vor allem in den sozialen Medien Anfeindungen. Wer hätte gedacht, dass zwei Zentimeter Kopfhaar im 21. Jahrhundert für so viel Gesprächsstoff sorgen könnten?

Eine Lektion, die sich aus diesem unwürdigen Spektakel ziehen lässt: Genderfluide Darstellungen und die Auflösung von tradierten Geschlechter-Rollen haben nun endgültig die Hochkultur erreicht. Überhaupt war das diesjährige Schauspielprogramm das Jahr der Frauen: Verena Altenberger stellte Lars Eidinger, der die Titelrolle im "Jedermann" verkörperte, in den Schatten - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Lina Beckmann irrlichterte als Richard III. durch die Szenerie und war das Epizentrum der vierstündigen Inszenierung von Karin Henkel. Zweite Lektion: Frauen dringen in Männer-Domänen vor, spielen die großen Heroen und eröffnen einen völlig neuartigen Blick auf die Klassiker.

Nächster Schlagabtausch weiblicher Schauspielkunst: Birgit Minichmayr und Bibiana Beglau. Die beiden lieferten sich in "Maria Stuart" ein Königinnen-Duell der Sonderklasse und waren die Glanzlichter in Martin Kušejs bleischwerer Inszenierung. Selbst in Hofmannsthals selten gespieltem Stück "Das Bergwerk zu Falun" stach eine Nebenrolle hervor: Nachwuchs-Aktrice Lea Ruckpaul war ein Lichtblick in Jossi Wielers trüber Aufführung am Salzburger Landestheater.

Die Salzburger Festspiele 2021: Ein Gipfeltreffen außergewöhnlicher Akteurinnen.