Mozart-Zerstörer! Die Salzburger Festspiele sind heuer unverhofft rasch zu einem Aufreger gekommen. Der Stein des Anstoßes: Teodor Currentzis hatte zum Auftakt Mozarts "Don Giovanni" dirigiert. Dabei drehte er zwar weit weniger extrem an der Temposchraube als an so manch früherem Abend. Doch das deutsche Feuilleton blies zur Generalattacke auf den Mann mit dem Guru-Gebaren: Fast zehn Jahre, nachdem Currentzis von Presse und Publikum in den Rang einer Dirigentenmajestät erhoben worden war, gellte nun der Empörungsschrei vom vermeintlich nackten Kaiser. Ein seltsames Timing.

Verständlicher schon, dass die Regie wenig Lob fand: Romeo Castellucci, Salzburg-Stammgast unter Intendant Markus Hinterhäuser, verwandelte das große Festspielhaus in einen Ausstellungsraum für erratische Symbole und ließ 150 Frauen als Handlungsfremdkörper über die Bühne irrlichtern. Insgesamt ein mauer, auch medioker gesungener Mozart-Abend, der erst durch die Medienschelte so etwas wie Relevanz erlangte.

Die Gegenwart im Blick

Bedeutung war dafür der zweiten Opernpremiere des Sommers sicher, nämlich "Intolleranza 1960". Flüchtlingselend, Fremdenhass, Naturkatastrophe: All die brennenden Themen der Gegenwart sind in Luigi Nonos Stück versammelt und werden vom herben Klang der Nachkriegsavantgarde befeuert. Welcher andere Spielort würde diese 80 Minuten so prominent ins Rampenlicht rücken, in einer Luxusbesetzung mit den Wiener Philharmonikern, Dirigent Ingo Metzmacher und Regie-Choreograf Jan Lauwers? Allein dafür gebührt den Festspielen Lob, mochte der Blick in der Salzburger Felsenreitschule dann auch ein wenig am Gewusel der Chor-Massen abstumpfen und das Ohr an einem betont scharfen Klangbild ermatten.

Leider: Mehr Opernpremieren erlaubte die höhere Gewalt Corona heuer nicht. Das Gesamtvolumen dieses Sommers konnte sich dennoch sehen lassen. Nach der verkürzten Ausgabe des Vorjahrs hat sich das Festival wieder über eine Länge von eineinhalb Monaten erstreckt und nicht nur ein exzellentes Konzertprogramm beschert, sondern auch vier Opernproduktionen aus dem Fundus der Stadt. Das sorgte gleich anfangs für ein Wiedersehen mit der pausenfreien Kurzfassung von "Così fan tutte" aus dem Vorsommer - einem Meisterstück der Amputationskunst, das die Handlung trotz etlicher Striche überleben lässt. Dabei harmonierte die federnde Mozart-Lesart von Dirigentin Joana Mallwitz abermals mit der kurzweiligen Tür-auf-Tür-zu-Regie von Christof Loy. Daneben bürgte die "Elektra" von 2020 wieder für beklemmende Blutrache: Solide bebildert von Krzysztof Warlikowski, bezwang der stimmstarke Abend vor allem durch die Wiener Philharmoniker und Dirigent Franz Welser-Möst, das Dreamteam für diese Strauss-Oper. Schön auch, dass das Kronjuwel der Salzburger Pfingstfestspiele im Sommer noch einmal glänzen durfte, nämlich "Il trionfo del Tempo e del Disinganno": Regisseur Robert Carsen hat das Händel-Oratorium zu einer (anfangs) glitzernden Castingshow aufgebrezelt, die hier durch quirligen Originalklang und nicht zuletzt Mezzo-Star Cecilia Bartoli bereichert wurde.

Mit Starfaktor punktete auch die letzte szenische Wiederaufnahme des Sommers: Anna Netrebko sang an der Seite ihres Mannes Yusif Eyvazov ihre erste Salzburger "Tosca". Dass die Premiere dennoch das Flair eines routinierten Repertoire-Abends umwehte, konnten auch Michael Sturminger - mit seiner von Knalleffekten umrahmten Inszenierung aus 2018 - und Dirigent Marco Armiliato mit philharmonischem Breitband-Sound nicht ändern.

Neue Leitungsfigur gesucht

Mit der "Tosca"-Dernière am nächsten Dienstag werden die Festspiele zwar enden, aber noch nicht aus den heurigen Schlagzeilen verschwinden. Zum einen gilt es, nach dem Abgang der langjährigen Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ab Herbst eine Nachfolge zu küren. Ob das Ondit über gewisse Interessenslagen (vermutet etwa bei Alexander Wrabetz) zutrifft, wird sich weisen. Zum anderen wird Salzburg auch künstlerisch noch einmal Aufmerksamkeit finden. Seltsam, aber wahr: Zu Allerheiligen sollen die Lockdown-verhinderten Osterfestspiele nachgeholt werden.