Das seit 1996 bestehende Kabarettduo Peter & Tekal erlitt mit seinem aktuellen Programm "Was schluckst du?" ein klassisches Corona-Schicksal. Nach der Premiere im Jänner 2020 gab es noch zwei Termine - und dann kam der Lockdown. Ab 10. September treten der hauptberufliche Arzt Ronny Tekal und der hauptberufliche Patient Norbert Peter endlich wieder auf und feiern ihr 25-jähriges gemeinsames Bühnenjubiläum. Im Interview sprechen sie über ihr Medizinkabarett, die Pandemie und unnötige Hürden bei der Ärzteausbildung.

 

"Wiener Zeitung": Herr Tekal, als Mediziner war für Sie wohl im März 2020 schnell klar, dass es das jetzt einmal für längere Zeit war mit dem Kabarett?

Ronny Tekal: Ich könnte jetzt wie viele andere sagen, dass ich es immer schon gewusst habe. Aber wir haben uns alle kapital verspekuliert. Selbst die, die damals am schwärzesten gesehen haben, hätten Anfang 2020 nicht vorausgesehen, dass der Laden für ein Jahr zugesperrt wird.

Norbert Peter: Ich kann mich aber gut erinnern, dass du sehr bald gesagt hast, dass es die Impfung als Wellenbrecher brauchen werde.

Tekal: Aber dazu brauchte man kein Mediziner zu sein.

SPÖ-Chefin und Ärztin Pamela Rendi-Wagner wollte ja lieber einen harten, dafür kürzeren Lockdown als dieses langwierige Auf-Zu-Auf-Zu.

Tekal: Ja, das haben viele Ärzte so gesehen. Ich bin ja auch Ö1-Radiodoktor, und da haben wir in der Pandemie wöchentlich berichtet, was Sache ist. Damals bin ich mutterseelenalleine im Funkhaus gesessen. Ich habe mir da schon auch gedacht, dass es wichtig ist, in dieser ersten Phase wirklich einmal ruhigzuhalten. Weil wir alle nicht gewusst haben, was da kommt und wie groß das wird. Ob dann die weiteren Maßnahmen sinnvoll waren oder nicht, ob die Bühnen zurecht so lange geschlossen waren, ist eine andere Sache.

Peter: Man muss aber der Regierung schon auch zugutehalten, dass es schwierig ist, Regelungen zu treffen, die für ganz Österreich gut greifen und für jeden nachvollziehbar sind. Bei der Einführung der Gurtenpflicht gab es seinerzeit auch einen Aufstand, wo Leute gesagt haben: "Da bin ich festgebunden, und wenn das Auto brennt, komm ich nicht raus." Oder bei Tempolimits. Ich glaube, es ist schwer, für alle gültige Regeln aufzustellen, noch dazu in der Pandemiesituation, wo man schnell sein und trotzdem alles richtig machen will. Ich sehe auch Ungerechtigkeiten, aber ich unterstelle niemandem bösen Willen.

Tekal: Ich habe in der Pandemie meine Doppelrolle als Arzt und Kabarettist sehr ambivalent enpfunden: Der eine ist aus Sicht der Gesellschaft total systemrelevant, der andere gar nicht. Das hat man uns Künstler auch sehr stark spüren lassen.

Kommt Corona in Ihrem aktuellen Programm vor?

Peter: Wir haben es adaptiert, jetzt ist sehr viel dazu drin. Gesellschaftlich hat Corona ja sehr viel zugedeckt. Beim Rauchen zum Beispiel, das davor noch ein Riesenthema war, wurde ein Schlachtfeld geschlossen.

Tekal: Diese Pandemie hat mit jedem etwas gemacht, psychisch bei vielen eher zum Schlechteren.

Auch, weil viele Menschen mehr die Folgen der Corona-Maßnahmen und weniger die Krankheit gespürt haben.

Tekal: Vielleicht wird man in vielen Jahrzehnten zurückblicken und es besser wissen. Jetzt glaubt halt jede Seite, die Wahrheit mit dem Löffel gegessen zu haben, und das sorgt für eine Polarisierung.

Peter: Ich kenne aber schon einige alte Menschen, die ohne Covid-19 wahrscheinlich nicht gestorben wären. Ich finde es interessant, dass es so einen Impfskeptizismus gibt und so viele Leute mehr Angst vor der Impfung als vor der Krankheit haben. Ich meine, das Risiko einer Thrombose durch die Corona-Impfung liegt bei 1 zu 100.000 oder so . . .

Tekal: . . . aber wenn man mit Covid hospitalisiert wird, bekommt etwa ein Drittel der Patienten eine Thrombose. Und auch das Thrombose-Risiko durch ein Packerl Zigaretten ist höher als das bei der Corona-Impfung. Aber ich glaube nicht, dass der erhobene dogmatische Zeigefinger diese Leute erreicht. Und man muss es akzeptieren, dass sie eine andere Meinung haben. Ich finde einen Faktendogmatismus gefährlich.

Ein anderes Thema: Die Ärztekammer warnt vor einem Ärztemangel, junge Mediziner werden durch wenig lukrative Kassenverträge davon abgeschreckt, eine Ordination zu übernehmen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Tekal: Es wird eine Umstrukturierung geben, man wird sich umgewöhnen müssen. Viele kennen noch von früher und auch aus dem TV den klassischen Hausarzt auf dem Land, der seine Patienten in- und auswendig kennt, rund um die Uhr verfügbar ist und das auch noch gern macht. Fast wie ein erweitertes Familienmitglied. So engagierte Kollegen gibt es vielleicht noch vereinzelt, aber das funktioniert heute einfach nicht. Erstens ist die Honorierung unter den Allgemeinmedizinern nicht allzu groß, zweitens wollen Ärzte mittlerweile auch ein Privatleben und regelmäßigere Arbeitszeiten haben. Es will kaum jemand mehr in entlegenere Gebiete gehen. Ich glaube, wir werden irgendwann generell einen Ärztemangel haben, weil Mediziner in Pension gehen und die Patienten nicht jünger werden. Trotzdem wird der Zugang zum Medizinstudium absurd eingeschränkt.

Werden da zu viele zu früh ausgesiebt?

Tekal: Als ich damals begonnen habe, konnte jeder Medizin studieren. Da kann man natürlich sagen, dass die Qualität der Lehre in einem Massenstudium leidet. Auf der anderen Seite haben einige, die vielleicht gute Ärzte würden, heute keine Chance, weil die Testhürde und die Art des Aufnahmetests absurd ist. Es ist ein Riesen-Sudoku, das alle lösen müssen, und wer am schnellsten ist, gewinnt. Man muss bei dieser Prüfung quasi einen guten Einser schreiben, sonst hat man keine Chance.

In Themengebieten, die man in der Schule gar nicht angestreift hat.

Tekal: Es sind Themen, die man nicht einmal in der Medizin anstreift. Es sind zwar Medizin, Biologie, Chemie auch dabei, aber es ist auch ganz viel kognitiv - und das sind einfach Rätsel: Worträtsel, Wörter vertauschen, das sind Intelligenztests. Auf die kann man hinlernen, aber da lernt man ein Jahr lang Worträtsel. Und da gibt es dann viele, die zwei-, dreimal zum Aufnahmetest antreten, die sind ein Jahr lang auf Standby, und ich bin mir nicht sicher, ob das dann wirklich insgesamt kostengünstiger ist. Da verlieren die Studenten einige Jahre, volkswirtschaftlich ist es ein Kas, und am Ende hat man zu wenige Ärzte.

Peter: Und es ist visionslos. Dabei könnte sich Wien als Wiege einer Ärzteausbildung profilieren, wenn alle zu uns zum Medizinstudium kämen. Für unseren Wohlstand gäbe es ja nichts Besseres als viele Ärztinnen und Ärzte.

Also lieber keine Aufnahmetests und dafür eine höhere Drop-out-Quote später in Kauf nehmen?

Tekal: Bei uns gab es auch schon viele Drop-outs, uns wurde sogar vom Medizinstudium abgeraten und vor einer Ärzteschwemme gewarnt. Jetzt, wo ich mittendrinnen stehe, sehe ich ein irrsinniges G’riss. Es gibt zwar jetzt auch Privatunis, aber die muss man sich auch leisten können.

Ein Thema sind ja auch die Kassenverträge.

Tekal: Das Honorierungssystem ist verbesserungswürdig. Was will man denn von Allgemeinmedizinern und Kinderärzten? Man will eine gute medizinische Betreuung, man will begleitet und an die richtige Stelle weitergeschickt werden, wenn’s heikel wird. Und gerade die kleinen Dinge wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit bringen dem Arzt nicht viel ein. Und das Patientengespräch wird gar nicht honoriert.

Peter: Ich habe als Patient das Gefühl, dass medizinische Leistungen mehr und mehr gewinnorientiert sind, dass Ärzte den Weg einer finanziellen Karriere gehen. Da sollte der Staat lenkend eingreifen. Ganz viele Spitalsärzte haben noch eine Privatpraxis als Finanzierungsmodell. Ich habe inzwischen eine Wahlarzt-Zusatzversicherung. Das Modell ist aber zu hinterfragen. Immer mehr Ärzte gehen in den Wahlarztbereich, weil es sich immer mehr Patienten leisten können. Und dann bleiben die übrig, die sich das nicht leisten können oder wollen.

Und die haben ein Problem, wenn es im Ort nur noch einen Wahlarzt und gar keinen Kassenarzt mehr gibt. Haben wir grundsätzlich eine Zwei-Klassen-Medizin?

Tekal: Wenn es schneller gehen soll, kann man sich mit Privatleistungen etwas Zeit erkaufen. Aber im Großen und Ganzen muss man in Österreich schon sagen: Egal, wie viel jemand verdient - er bekommt dieselbe medizinische Leistung, im Gegensatz etwa zu den USA. Es gibt keine besseren oder schlechteren Medikamente oder Operationen. Man kann sich halt den Arzt aussuchen. Ich bin auch in einer Kassenordination tätig, und da betreuen wir unsere Patienten schon ganz gut. Aber es geht halt schnell. Wichtiger als Geld ist heute eher, dass man gut vernetzt ist, dass man gute Ärzte kennt. Und dass man gesundheitlich gebildet ist und weiß, wo man am besten hingeht. Wenn das jemand nicht hat, sich sprachlich schwerer tut, ist er sicher im medizinischen System schlechter aufgehoben.

Peter: Es gibt schon eine zweite Klasse, das sind zum Beispiel Leute, die illegal in Österreich leben, oder Putzkräfte aus Nicht-EU-Staaten. Da gibt es Notfalleinrichtungen, die sich um sie kümmern, wenn sie krank werden. Aber es stimmt, im Kommunikationsbereich ist es schwierig, wenn Patienten, die sich nicht gut ausdrücken können, womöglich auf Ärzte treffen, die nicht kommunikativ sind.

Warum Sind Sie Arzt geworden?

Tekal: Damals konnte man noch ausprobieren, einfach einmal Medizin studieren, und dann ist man hineingewachsen. Ich weiß nicht, ob ich mir heute diese erste große Hürde auch antun würde. Aber es ist ein schöner, vielfältiger Beruf. Und jetzt in der Pandemie war ich gut beschäftigt.

Was braucht ein guter Arzt?

Tekal: Patienten (lacht). Auf jeden Fall braucht er das wichtigste Tool in der Kommunikation: zwei gute Ohren. Und er muss drei Dinge mitbringen: Empathie, Echtheit und Akzeptanz. Wenn man das ehrlich rüberbringt, funktioniert es. Und was das Thema Zeit betrifft, von dem ja auch in der Medizin oft die Rede ist: Ein gutes Arztgespräch dauert nicht unbedingt länger als ein schlechtes.

Peter: Ein schlechter Arzt ist einer, der nicht auf den Patienten eingeht. Und der unter Druck steht, wenn er zum Beispiel sehr viele Patienten abfertigen muss oder im Spital lange Dienstzeiten hat und vielleicht nicht ausgeschlafen ist. Aus Patientensicht erlebe ich gerade in Gruppenpraxen, dass man immer sofort drankommt, aber es ist ein bisschen wie am Fließband. Das wirkt alles so effizient, dass es mir fast schon wieder zu effizient ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass da individuell auf mich eingegangen wird.

Tekal: Die Strafverschärfung ist, wenn man dem Patienten sagt, er soll 1450 anrufen.

Peter: Die Hotline ist aber besser als ihr Ruf, nur halt zur Zeit wahnsinnig überlastet, weil sie die Corona-Agenden übernommen hat. Ich habe mehrmals dort angerufen, aber tendenziell gute Erfahrungen gemacht.

Tekal: Was man bei all dem nicht vergessen darf: Jeder Kontakt mit einem Arzt ist für das Personal Routine und für den Patienten ein Ausnahmezustand.

Was ist das Ziel Ihres Medizinkabaretts?

Tekal: Es ist nicht nur Lachen die beste Medizin, sondern auch die Medizin oft zum Lachen. Wir haben uns gefragt: Darf man in Bereichen, wo es um Krankheit oder gar Tod geht, irgendwelche Kalauer machen? Unsere Antwort ist: Man darf. Selbst im Sterben, in der letzten Phase des Lebens, gehört Humor dazu. Die Rote Nasen Clowndoctors waren ja anfangs umstritten und sind heute gut etabliert. Wir versuchen aber schon sensibel zu sein. Wir haben ja auch ernste Themen wie Patientenverfügungen oder chronische Krankheiten, und es ist schön, wenn Fachkräfte oder Selbsthilfegruppen im Publikum uns nach der Vorstellung sagen, wie gut es war, einmal zwei Stunden lang darüber lachen zu können. Manchmal denke ich mir, dass ich bei der Bühnenordination mehr heilende Kraft hinüberbringe, als wenn ich in der realen Ordination irgendwelche Pulver verschreibe.