Drei Gespenster tänzeln zu Country-Music über die Bühne des Theater Akzent. Die Schauspieler sehen wie Bilderbuch-Geister aus, stecken tatsächlich im flatternd weißen Kostüm, tragen Cowboystiefel und singen grandios verdrehte Texte wie: "Ertrinkt da gerade einer?" "Es sieht doch eher aus wie choreografiert." Eines der Geisterwesen rettet den Mann vor dem Tod auf hoher See und bringt ihn auf eine Insel. Wie sich herausstellt, ist das der letzte Flecken Erde, auf dem nach der globalen Klimakatastrophe noch Leben möglich ist.

Doch die Idylle auf "Banana-Island" gleicht einem Armageddon, einem Kampf der Überlebenden um den letzten Bissen Brot. Willkommen bei der Weltuntergangs-Oper "Burt Turrido". Die vierstündige Country-Music- und Western-Style-Oper von Nature Theater of Oklahoma feierte nun im Rahmen der Wiener Festwochen Premiere.

Das Künstlerduo Kelly Copper und Pavel Liska kommt aus der New Yorker Avantgardeszene, in der Improvisation und Do-it-yourself-Praktiken, die mitunter an Dada erinnern, nicht unüblich sind. Dass ihre Ästhetik Anleihen am Laientheater nimmt, ist folglich Programm: In "Burt Turrido" besteht das Bühnenbild etwa aus bemalten Vorhängen, die je nach Szenenwechsel hin- und hergezogen werden, hoher Wellengang wird mit Schwungtüchern simuliert, Regen mit Stoffbahnen. Die gesamte Ausstattung setzt auf Hillbilly- und Western-Stimmung.

Choreografie und Gesang des fünfköpfigen Ensembles erinnern selbstredend mehr an High-School-Musicals denn an Hoch-Kultur. Nature Theater of Oklahoma arbeiten seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Theater, Film und Laienkunst, haben zahlreiche Projekte umgesetzt und gehören zu den Darlings der europäischen Kunstfestival-Szene, beim steirischen herbst entwickelten sie etwa das Mammutunternehmen "Die Kinder der Toten" (2017), in der Burg-Spielstätte Kasino gastierten sie mit dem mehrteiligen epischen Musical "Life and Times".

Es lebe die Diva

Mit "Burt Turrido" setzt die Truppe erneut auf Musiktheater und widersetzt sich dabei lustvoll den Spielregeln des Genres. Musikalische Virtuosität? Exquisite Kompositionen? Stimmliche Höchstleistungen? Fehlanzeige. Bei "Burt Turrido" wabert die Musik von Robert M. Johanson aus dem Lautsprecher und klingt nach Fahrstuhlmusik im Western- und Country-Style. Das Libretto ist ein gesungener Bühnentext, ohne jegliche Höhepunkte. Das ganze Unternehmen hat freilich einen gewissen Charme, aber im Laufe der vierstündigen Aufführungsdauer wird die gleichförmige Musik doch zunehmend quälend.

"Burt Turrido" ist demnach eine Oper, bei der es gerade nicht um die Musik geht. Vielmehr stehen gewitzte Synopsis und pathosgeladene Darstellung im Vordergrund, die vor Kitsch nicht zurückschreckt. "Burt Turrido" beschreibt eine Welt, die dem Untergang geweiht ist, es geht um Flüchtlinge, Genozid, Klimakatastrophe - ein schwindelerregendes Zerrbild unserer Zeit, das in seiner Zuspitzung herrlich absurde Qualitäten gewinnt.

Die Hauptrolle in dem menschengemachten Albtraum spielt indes die Liebe: Ständig ist einer der Protagonisten sehnsüchtig verliebt, wird betrogen oder opfert gar sein Leben für die Geliebte. Was Herzschmerz und Diven-Allüren betrifft, bleibt Nature Theater of Oklahoma dem Genre treu. Ansonsten ist "Burt Turrido" ein fröhlicher Abgesang auf alles Opernhafte.