Mehr als 30 Dramen hat der Mann geschrieben! Mehr als 30 Dramen, aber in der Josefstadt meint man, seinen Roman "Der Weg ins Freie" auf die Bühne bringen zu müssen. Den Zuschauer beschleicht in den drei Stunden Aufführungsdauer (inklusive einer Erholungspause) leise das Gefühl, dass einer, der mehr als 30 Dramen geschrieben hat, besser gewusst haben mag, aus welchen Stoffen er eines macht, ein Drama nämlich, und aus welchen Stoffen einen Roman.

Nun ist es eine Binsenweisheit, dass keine Bühne durch Flair, Ensemble und Publikumsvorlieben dermaßen prädestiniert ist, Arthur Schnitzler zu spielen, wie das Theater in der Josefstadt, und keine andere Bühne macht es so gut. Nur gelingt‘s bei manchen Produktionen einfach nicht, und die sind dann ein Malheur von Anfang bis Ende. Solch ein Fall ist "Der Weg ins Freie".

Raphael von Bargen (r., mit Alexander Absenger als Georg von Wergenthin) überzeugt als Heinrich Bermann. - © Roland Ferrigato
Raphael von Bargen (r., mit Alexander Absenger als Georg von Wergenthin) überzeugt als Heinrich Bermann. - © Roland Ferrigato

Dramatisierter Roman

Ausgerechnet den Roman will man verstücken, in dem Schnitzler selbst über die Schwerpunkte unsicher war. Wiener Antisemitismus? Moderne Liebe, die scheitert, weil Gefühle nicht mit der Zeit gehen? Die Wetterwendigkeiten der Politik? Die Duell-Dummheiten? Den vornehmen Verführer und die Frau, die von ihm ein Kind erwartet? Die Künstler, die weder mit ihrer Begabung noch mit dem Leben zurechtkommen? Den jüdischen Arzt, dessen Hilfe man gerne annimmt, den man aber doch verachtet, eben, weil er Jude ist?

Schnitzler hat diese Themen selbst auf die Bühne gebracht - freilich theatertauglich aufgesplittert in mehrere Stücke von "Liebelei" über "Professor Bernhardi" und "Der einsame Weg" bis hin zur "Komödie der Verführung". Susanne Wolf packt das alles in ihre Dramatisierung des Romans. Und so wird geredet. Und geredet. Und geredet. Manchmal bonmotgespickt, als wär’s ein Oscar Wilde aus zweiter Hand (im Erzähl-Zusammenhang des Romans liest sich das weit amüsanter), manchmal ist es ein leeres Geplauder, das zwar den Salon der Ehrenbergs abbilden mag, in dem alle Fäden zusammenlaufen, doch Salongeplauder bleibt Salongeplauder, auch wenn es von Schauspielern (oft seltsam gestelzt) vorgetragen wird. Was da zu Beginn gut halbstundenlang auf der Bühne gesprochen wird, unterscheidet sich unwesentlich von der Pausen-Konversation in den Sträußelsälen.

Vielleicht hätte eine psychologisch ausgefeilte Regie etwas retten können. Doch Janusz Kica weiß mit den Vorgaben wenig anzufangen. Vor der Pause lässt er Drama spielen, wie man’s kennt, wobei sich Karin Fritz nicht recht entscheiden kann, ob sie ihren Bühnenbildern lieber abgespeckten Naturalismus verordnet, wie im Salon Ehrenberg, oder Abstraktion, wie im Garten der Villa Georg von Wergenthins. Wenigstens ringt sie beiden Zugängen Bildkraft ab. Nach der Pause verliert sich Kicas Regie in Ratlosigkeit: Der Text wird monologisch ins Publikum aufgesagt. Szenisches Symbol verlorener Kommunikation? Aussehen tut es nach einem Mangel an Ideen.

Immerhin: Julian Valerio Rehrl (Leo Golowski) nützt das für einen bemerkenswerten Auftritt. Sonst bewegt sich das Ensemble vom Höhepunkt Raphael von Bargens als selbstzerfleischungsfroher Heinrich Bermann (glaubwürdig bis in die Nebensätze) bis zum Tiefpunkt Katharina Klars als Therese Golowski, Aktivistin zwischen Politik und Gefühl (bis in die Nebensätze unglaubwürdig). Alexander Absenger verleiht dem Georg von Wergenthin Steifheit, wo Eleganz am Platz wäre. Dass Demeter Stanzides ein schneidiger Kavallerieobrist sei, bleibt in Tobias Reinthallers Gestaltung eine Behauptung. Alma Hasun (Anna Rosner) gelingt es besser als Michaela Klamminger (Else Ehrenberg), als junge Schnitzler-Frauen zu überzeugen. Joseph Lorenz verharrt als Lichtgestalt Doktor Stauber im Schatten - stückbedingt. Wie stückbedingt Oliver Rosskopf (Berthold), Jakob Elsenwenger (Josef Rosner) und Michael Schönborn (Ernst Jalaudek) mehr Typen als Charaktere zu formen bekommen.

Und doch! Und doch: In den Szenen von Siegfried Walther und Elfriede Schüsseleder als Ehepaar Ehrenberg offenbart sich Glanz und Leid des jüdischen Großbürgertums, dem Wien so viel zu verdanken hat und dem es doch mit so viel Verachtung begegnete. Da berührt das Stück und wird schlagartig aktuell. Das sind die Gestalten, die interessieren. Daraus einen eindreiviertelstündigen Abend destilliert ohne viel Beziehungsbeiwerk - welch packendes Theater das wäre!

Wer bis zum Schluss geblieben war, ließ etwas Applaus vernehmen. Viele hatten freilich die Pause genützt, um den Weg ins Freie zu suchen.