Sieben Personen teilen sich eine Toilette. Sie fristen ihr Dasein in einer Notunterkunft, dem letzten Zufluchtsort für Londoner Wohnungssuchende, die sich die hochpreisigen Mieten nicht mehr leisten können. Sieben einander wildfremde Menschen, dazu verdammt, sich den Abort zu teilen: unvermeidlicher und schmerzlicher kann kaum eine Erniedrigung sein. Zutiefst menschliche Notwendigkeiten arten zum Spießrutenlauf aus.

Dieser Teil des Dramas um die dringenden Bedürfnisse spielt sich in Alexander Zeldins 90-minütigem Theaterabend "Love", der nun im Rahmen der Wiener Festwochen im Jugendstiltheater am Steinhof gastiert, nahezu ohne Worte ab. Es sind Routinen alltäglichen Irrsinns. Die Bühnenfiguren fügen sich ins Unvermeidliche, vergeuden ihre Energien nicht damit, Unlösbares zu lösen. Keine Erleichterung, buchstäblich.

Natasha Jenkins’ Bühnenbild zeigt einen heruntergekommenen Aufenthaltsraum samt Küche; in einer Ecke der Zugang zum WC, im Bühnenhintergrund reiht sich eine Zimmertür an die nächste. Hinter Tür Nummer vier lebt eine hochbetagte Frau, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann, mit ihrem erwachsenen Sohn. Die Frau leidet unter Inkontinenz. Auf die Toilette schafft sie es nicht immer rechtzeitig. Nebenan auf Nummer fünf ist eine vierköpfige Familie eingezogen - die Frau hochschwanger, der Mann arbeitslos, Tochter Paige ist etwa neun, ihr Bruder 14 Jahre alt. Im Zimmer ums Eck haust eine Frau aus Ägypten, die kaum spricht, mit der sich kaum jemand unterhält.

Überhaupt sind die Dialoge in "Love" äußerst knapp gehalten. Es wird nicht geklagt, scheint das Motto der hier gestrandeten Überlebenskünstler zu sein. "Ich habe Hunger!" Paige beschwert sich - als einzige: "Ich habe noch Hunger", sagt sie praktisch nach jeder Mahlzeit, die aus einem Toastbrot ohne Butter oder wahlweise einem in der Mikrowelle gewärmten Fertiggericht besteht. Eine Portion muss hier für vier Personen reichen.

Regisseur Zeldin, der mit dem unbarmherzigen Sozialdrama "Faith, Hope and Charity" bereits im Juli bei den Festwochen zu Gast war, beweist in "Love" erneut seine Meisterschaft, wenn es darum geht, soziale Missstände auf die Bühne zu bringen, die noch lange nach Aufführungsende nachklingen. Die Magie dieses Theaters entfaltet sich in der Aufmerksamkeit, die Zeldin jeder einzelnen seiner Figuren widmet: Er nimmt sich Zeit, um eine zerrüttete Welt minutiös darzustellen. Je himmelschreiender die Zustände, desto stiller wird es auf der Bühne.

Inmitten auswegloser Trostlosigkeit erleben die Menschen hier Momente voller Liebe und Zartheit: Da ist der Vater, der für das Frühstück seiner Tochter etwas Butter stiehlt; der Sohn, welcher der Mutter beim Haarewaschen den Kopf massiert; schließlich jener Mann, der seiner schwangeren Frau den Teller füllt, während sein eigener leer bleibt. Wer liebt, tut, was er kann.