Die "Wiener Zeitung" sprach zum Saisonauftakt mit Burgtheater-Direktor Martin Kušej über seine bisherige Intendanz im Schatten von Corona, über Impfgegner, das Erstarken von Rechtspopulisten und welche Rolle das Theater in Krisenzeiten übernehmen kann.

"Wiener Zeitung":Die Pandemie ist längst nicht ausgestanden. Mit welchen Erwartungen gehen Sie an den Saisonstart?

Martin Kušej: Es enttäuscht mich maßlos, dass wir mit denselben Reflexen auf die mögliche vierte Welle reagieren wie auf all die vorangegangenen! Genauso ärgerlich ist, dass ein Großteil der Bevölkerung weiterhin regelrecht in Geiselhaft jener bleibt, die sich weigern, sich impfen zu lassen. Ich erwarte mir, dass endlich die 1G-Regel in Kraft tritt.

Martin Kušej erwartet, dass die 1G-Regel in Kraft tritt. - © Horn
Martin Kušej erwartet, dass die 1G-Regel in Kraft tritt. - © Horn

Es wird derzeit kontrovers diskutiert, ob Zutrittsrechte nur jenen zu gewähren sind, die bereits geimpft sind, da dies einem versteckten Impfzwang gleichkäme. Damit haben Sie kein Problem?

Impfen ist längst ein Gebot der Solidarität! Nur als Gemeinschaft werden wir einen Weg aus der Pandemie finden, nicht auf Grundlage individueller Abwägungen. Ich verstehe nicht, weshalb die Politik hier keine klare Haltung vertritt. Hat man wieder einmal Angst, ein paar Stimmen an die FPÖ zu verlieren? Dass zu Solidarität auch gehört, dass wir alle jene schützen müssen, die sich nicht impfen lassen können, ist klar.

Welche Befürchtungen hegen Sie für die anlaufende Saison?

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich will einfach nicht mehr das Schlimmste annehmen müssen. Hinter uns liegt die längste Schließung in der Geschichte des Burgtheaters - vor uns liegt eine Reihe von Premieren, in die unsere gesamte Kraft und Kreativität geflossen sind. Wir wollen endlich wieder für unser Publikum spielen. Diese Stimmung möchte ich mir nicht mit Befürchtungen zerstören.

Die Spielzeit eröffnet tatsächlich mit einem Coup: Frank Castorf, der bislang kaum österreichische Dramatik inszenierte, wird Elfriede Jelineks jüngstes Stück "Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen!" inszenieren und mit "Zdeněk Adamec" erstmals ein Stück von Peter Handke auf die Bühne bringen.

Wenn ich auf etwas stolz bin, dann auf die Idee, Frank Castorf auf Peter Handke loszulassen - eine überaus interessante Konfrontation. Jelinek wie Handke wurden mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, von beiden werden bei uns Stücke zu sehen sein. Das ist einzigartig. Darauf freue ich mich sehr!

Ihre bisherige Direktionszeit war weitgehend von der Pandemie überschattet. Wie fanden Sie da in die ohnehin nicht einfache Rolle als Burgtheater-Intendant?

In dieser schweren Zeit war das nicht einfach. Im Umgang mit der Pandemie existierten keinerlei Erfahrungswerte, Bestimmungen haben sich laufend geändert, alle waren verunsichert. Dennoch navigierten wir das Burgtheater und seine 530 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter recht gut durch diesen Ausnahmezustand.

Wie erlebten Sie selbst diese Zeit?

Ich erlebte Seiten an mir, die ich nicht gekannt hatte, musste mit Phasen fertig werden, in denen ich mir mehr als einmal die Sinnfrage stellte.

Verglichen mit deutschen und Schweizer Bühnen, die ihren Spielplan online aufrechterhielten, um den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren, blieb es im Burgtheater seltsam still. Wäre es nicht Ihr Auftrag gewesen, gerade im Ausnahmezustand Flagge zu zeigen?

Es wird gern behauptet, dass wir nichts unternommen hätten, aber wenn man genauer hinschaut, stimmt das nicht. Anfangs gab es Wohnzimmerlesungen, später suchten wir nach neuen digitalen Formaten - Projekte wie die "Wiener Stimmung" kamen dabei heraus, die für den Nestroy nominiert war. Man kann also nicht behaupten, der Kontakt zum Publikum wäre abgerissen. Es ist auch nicht mein Stil, laut herumzukrakeeln. Ich habe vielmehr versucht, das Haus ruhig und gewissenhaft durch die Krise zu führen. Aber es stimmt auch, dass ich Vorbehalte gegenüber einem einfachen 1:1-Streaming hege, weil ich unser Kerngeschäft nicht aufweichen möchte. Außerdem waren viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit, wann immer es möglich war, haben wir geprobt und Produktionen bis zur Generalprobe geführt. Wir waren in einer Zwickmühle. Einerseits hieß es: Macht was, tut was! Andererseits hätten wir all das möglichst ohne Arbeitszeit erledigen sollen.

In Zürich und München wurde diesem Umstand etwa mit Kammerspielen oder Monologen begegnet.

Da war auch einiges dabei, das in die Kategorie "entbehrlich" fiel.

In deutschen Stadt- und Staatstheatern wird gerade über Machtmissbrauch, starre Strukturen und Hierarchien diskutiert. Wo verorten Sie das Burgtheater in der Debatte?

Wir verfolgen das äußerst wachsam. Übergriffe jedweder Art werden bei uns nicht toleriert. Hierarchie ist in einem so großen Betrieb nicht unbedingt ein Nachteil - es wird immer eine Person brauchen, die den Kopf hinhält und Verantwortung übernimmt. An einem kritischen Umgang mit der Position des Intendanten sehe ich nichts Falsches - Führungspersönlichkeiten werden immer hinterfragt und es ist auch gut, das zuzulassen. Mein Selbstverständnis entspricht jedenfalls nicht dem eines Intendanten-Patriarchen. Ich bin ein Teamplayer, ein höflicher und respektvoller Mensch.

Unsere Gegenwart wird häufig als Zeitenwende beschrieben, als eine Epoche, in der sich Konflikte auftürmen, aber selten gelöst werden. Welche Rolle vermag da eine Kunstform wie das Theater zu spielen?

Das Theater kann keine einfachen Lösungen präsentieren. Es kann die Gegenwart jedoch in einer Form widerspiegeln, die deren Komplexität gerecht wird. Ich persönlich bin sehr beunruhigt: Ich bin entsetzt über das, was gerade in Afghanistan stattfindet, es macht mich fertig, wenn ich an die Auswirkungen der Klimakatastrophe denke, und mich irritiert, wie schnell wir wieder in präfaschistoide Zeiten verfallen, wie viele wieder Nationalismus und Rechtspopulismus anhängen. Ich verstehe das schlichtweg nicht! Es geht uns so gut wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit - was ist bitte aus der Solidarität geworden?

Was denken Sie?

Wir leben in einer pseudoindividualisierten Gesellschaft, in der jede und jeder nur noch in sein Handy starrt. Wir erleben einen massiven Werteverfall und Vertrauensverlust. Wieso zweifeln in der Corona-Krise sonst viele daran, dass die Wissenschaft im Dienst der Menschheit arbeitet? Dank des medizinischen Fortschritts hat sich unsere durchschnittliche Lebenszeit kontinuierlich erhöht. Heute werden wir im Schnitt über 80 Jahre alt, vergangene Generationen konnten davon nur träumen. Andererseits darf es einen nicht wundern, wenn Menschen den Glauben an die Institutionen verlieren, wenn diverse Regierungsmitglieder dieses Landes hart an den Grenzen moralischer Fragwürdigkeit und Korruption entlangwandeln bzw. diese überschreiten.