307 lautete im Burgtheater die Zahl zum Sonntag. So viele Tage war das Haus zuletzt geschlossen. So lange wie noch nie. Direktor Martin Kušej selbst meldete sein Theater nun mit einer bildstarken, ja bildgewaltigen Inszenierung zurück aus der kollektiven Zwangspause: Er hat seine "Maria Stuart"-Inszenierung erfolgreich von den diesjährigen Salzburger Festspielen nach Wien übersiedelt.

Kušejs Sicht auf die blutige historische Beziehung zweier Königinnen ist durchdrungen von Männlichkeit, von nackter, stumm präsenter Männlichkeit. Knapp dreißig Männer bilden in der schlichten Kuben-Bühne (Annette Murschetz) das lebendige Interieur des bildmächtigen Regiekonzeptes. Schweigend formieren sie sich immer wieder neu, sind in ihrer stoischen Omnipräsenz wirkmächtig wie raumfüllend. Auch wenn hier zwei Frauen im Zentrum des Geschehens stehen, ist es eine Männerwelt, die hier regiert. Notgedrungen eben über den Umweg der Frauenfiguren. Erst im Finale wird diese alles durchdringende Männlichkeit toxisch, ja mörderisch werden. Erst als einander Elisabeth und Maria im Kerker Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen sind die Männer verschwunden. Doch auch in dieser Begegnung der beiden Frauen wird schnell klar, sie sind dennoch präsent, die Männer mit ihren Blicken, mit ihrem Begehren.

Nackte Männlichkeit dominiert die "Maria Stuart"-Inszenierung im Burgtheater. - © Matthias Horn
Nackte Männlichkeit dominiert die "Maria Stuart"-Inszenierung im Burgtheater. - © Matthias Horn

Vor allem die britische Königin Elisabeth zeigt Kušej als eine ohnmächtig ihren männlichen Beratern ausgelieferte "Sklavin ihres Standes". "Wer kann dich zwingen? Du bist Königin!", fragt sie einer ihrer Berater. Es klingt wie Hohn in dieser Schillers Sprachschatz sehr fein zur Geltung bringenden Fassung. Der Zwang des Volkes, der Zwang der Männer und deren Begehrens sind übermächtig. Elisabeth selbst - stolz, verloren und verkrampft in Posen erstarrend von Bibiana Beglau angelegt - ist hier mehr Spielball als Souverän. Eine Frau zu töten ist ihr verzweifelter Versuch, sich von den Männern zu befreien. Auch ihre Gegenspielerin Maria Stuart ist sich ihrer (einzigen) Wirkmacht über den Umweg der Männer sehr wohl bewusst. Aus der Verzweiflungsposition gelingt es ihr raffinierter, auf dieser Klaviatur zu spielen - letztlich vergebens. Birgit Minichmayr entwickelt diese Stuart von einer lautstark tonlos Verzweifelten über eine furiose Rächerin hin zur abgeklärten Todgeweihten.

Metaebene der Macht

Stark in ihrer Schwäche: Bibiana Beglau als Königin Elisabeth, Itay Tiran als zerrissener Leicester. - © Matthias Horn
Stark in ihrer Schwäche: Bibiana Beglau als Königin Elisabeth, Itay Tiran als zerrissener Leicester. - © Matthias Horn

Es ist nicht die feine psychologische Ausarbeitung der Figuren, die Kušej an dem Schiller-Klassiker interessiert, es ist die Metaebene der Macht, die er in dieser bereits in Salzburg bejubelten Regie-Arbeit herausgemeißelt hat. Die Frauenhand, die durch die einflüsternden Männer geführt wird, die Entlarvung der Regentinnen als Marionetten eines Patriarchats, das sind die Themen, die Kušej verarbeitet. Männermacht in Frauenhand könnte das Schlagwort der Produktion lauten. Auch die weiteren Themen verhandelt der Regisseur mehr abstrakt als persönlich. Das Ringen zwischen Macht und Moral, zwischen Pflicht und Herz, Vertrauen und Härte, verhandelt er wie in einer Parabel der Prinzipien in kraftvoll eindringlichen Bildern.

Zwei von manipulativen Männern gelenkte Königinnen: Birgit Minichmayr (Maria), Bibiana Beglau (Elisabeth). - © Matthias Horn
Zwei von manipulativen Männern gelenkte Königinnen: Birgit Minichmayr (Maria), Bibiana Beglau (Elisabeth). - © Matthias Horn

Die Figuren verblassen vor und in diesen starken Tableaus. Die Schauspieler gehen mit voller Wucht in den Charakteren verloren. In ihre seelischen Tiefenschichten dringt Kušej nicht vor, bleibt an ihrer lauten Oberfläche. Die Männer - alles voran Norman Hacker als gewiefter Burleigh und Itay Tiran als zerrissener Leicester - werden dabei noch eher greifbar. Jenseits davon bleibt die Inszenierung jedoch auf der fantastisch umgesetzten Metaebene, was die Produktion zu einem eindrucksvollen, aber wenig eindringlichen Theaterabend macht.

Länger als die imposanten Bilder wird Besucherinnen wohl die neue, sehr rote Bestuhlung des Burgtheaters beschäftigen. Die darauf angebrachten Messingplaketten überstrahlen in ihrem Glanz die eingravierten Reihen- und Sitznummern. Eine glanzvolle Orientierungslosigkeit, die isolationsgeprüfte Theaterfreunde zumindest über rätselnde Gespräche wieder in die Welt bindet.