"Premiere vor Publikum"? Auch diese Wortprägung verdankt man Corona. Die Staatsoper hat ihre Aufführung am Sonntag so tituliert, und das aus einleuchtendem Grund. Anfang März hat sie ihre neue "Traviata" aus der Taufe gehoben, doch damals nur für die Streaming-Kameras. Erst an diesem Sonntag gelangte die Produktion vor vollen Reihen zum Praxistest - und hat ihn mit Jubel und Applaus bestanden.

Energiezentrum Pretty Yende

Grund eins ist die (bereits Paris-bekannte) Regie von Simon Stone. Der Australier bugsiert das Verdi-Liebesdrama provokationslos ins digitale Zeitalter. Violetta Valéry werkt jetzt als Influencerin statt als anrüchige Kurtisane, ihr fescher Alfredo sitzt in einem Architekturbüro, und im Karneval trägt man lieber Cat- oder Fatsuit statt langer Nase. Zwei Videowände, L-förmig miteinander verbunden, bilden den zentralen Blickfang und lassen eine Flut an Insta-Fotos, Videos, Emojis und Chats auf das Auge los. Daumen hoch für diese Technik! Lenkt mitunter aber stark ab von einem Old-School-Hobby namens Opernhören.

Erfolgsgrund zwei ist Pretty Yende als Violetta: Nach fahrigem Beginn begeistert ihr schlackenloser Sopran mit Intensität und Attackenprägnanz. Debütant Frédéric Antoun (Alfredo) stellt sich mit kremigem Timbre vor, aber auch mit schwankender Akkuratesse, Ludovic Tézier orgelt den Biedermann Giorgio mit robuster Opulenz; Szilvia Vörös und Stephanie Maitland leisten in Nebenrollen Markantes. Nicola Luisotti hält das Orchester zu einem flotten Dienst an und den Chor zu Präzision. Zuletzt stehende Ovationen für Yende, die gerührt in die Knie geht.