Brecht oder nicht Brecht, das ist die Frage: Lieber dem Brecht-Stil folgen, strikt oder mit modernen Mitteln, oder ihn spielen, als hätte er das Epische Theater nie geschaffen? In den Kammerspielen entscheidet sich Torsten Fischer gegen den Brecht-Stil. Die Sonntags-Vorstellung war als Premiere ausgewiesen. Gezeigt wurde die Produktion schon knapp nach Lockdown-Ende, auch im Fernsehen. Fischer verordnet der "Dreigroschenoper" eine düstere Ästhetik. Beim ersten Durchlauf wirkte das missglückt, aber am Sonntag hat die Produktion insgesamt überzeugt.

Wenig Brecht, viel Gotham City: Susa Meyer und Claudius von Stolzmann. 
- © Moritz Schell

Wenig Brecht, viel Gotham City: Susa Meyer und Claudius von Stolzmann.

- © Moritz Schell

Statt Brechts hellerleuchteten Bühne liegt die von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos gestaltete im Halbdunkel, statt Transparenten und Kulissenandeutungen gibt es schräge Stege. Die Herren erscheinen in Hemd und Anzug, in Weiß, Rot und Strapsen die Frauen und Transsexuellen. Das schaut weniger nach London aus als nach Gotham City, wo sich Macheath als Bruder des Jokers herumtreibt.

Die "Dreigroschenoper", als wäre sie nicht von Bertolt Brecht (v.l.n.r.): Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker. - © Moritz Schell
Die "Dreigroschenoper", als wäre sie nicht von Bertolt Brecht (v.l.n.r.): Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker. - © Moritz Schell

Fischer inszeniert das Stück ballettös. Kaum, dass Kurt Weills Musik erklingt, beginnt irgendjemand oder gar das ganze Ensemble mit der Hüfte zu wippen oder Tanzschritte zu vollführen. Das nervt, aber die konsequente Künstlichkeit schafft auch die Atmosphäre von Underground-Comics: lemurenhaft, gespenstisch, bedrohlich. Brechts Ganovenmilieu übersetzt in die Gegenwart.

Das Ensemble ist auf unterschiedlichen Ebenen des Gelingens angesiedelt, was auch musikalische Gründe hat. Zwar hat Weill seine Gesangslinien der Bewältigung durch Schauspieler zugedacht, aber es bedarf zumindest eines Ansatzes, dem man diese Bewältigung abnimmt.

So glaubt man Swintha Gersthofer aufs Wort, dass ihre Polly die schönste Frau von Soho ist, und wenn sie während des Kanonsongs in einen irren Tanz ausbricht, ist das einer der stärksten Momente des Abends. Nur hat sie keine Gesangsstimme, und das Durchsetzungsvermögen gegenüber Macheaths Bande ist reine Behauptung. Ein seltsamer Fall ist Maria Bill als Frau Peachum: Sie bleibt der Brecht-Ästhetik treu und wirkt gerade dadurch als Fremdkörper, freilich durch die farblich abgehobene Kostümierung als solcher ausgewiesen. Der sonst auffallend gute Dominic Oley als Brown ist weniger Tiger als Kater: eine Fehlbesetzung.

Letzten Endes überzeugend

Wer überzeugt? - Herbert Föttinger, der den Peachum mit der Leichtfüßigkeit gibt, die nur einem schweren Mann eignet. Als Bettlerführer ist er durch und durch Gentleman und könnte auch im Vorstand einer Bank sitzen. Claudius von Stolzmann als akrobatischer Macheath strahlt Gefährlichkeit aus. Susa Meyer sorgt mit dem Song von der Seeräuber-Jenny für einen der größten Momente des Abends: Man kann das also auch ganz anders machen als die Lotte Lenya - wenn man’s kann. Gänsehaut pur!

Paula Nocker als Lucy ist die Entdeckung des Abends: Eine glänzende Komödiantin mit zweifellos großer Zukunft, darstellerisch so brillant wie gesanglich.

Apropos Musik: Das Ensemble unter Leitung von Christian Frank trifft die nasale Schärfe, aber es mangelt an Durchsetzungskraft. Die Begleitrhythmen des Kanonsongs müssten lauter knallen, der verbeulte Choral des Finales fanalhafter klingen.

Welch erstaunlicher Autor dieser Bertolt Brecht doch ist: Da spielen ihn die Kammerspiele gegen seinen eigenen Stil - und doch funktioniert seine "Dreigroschenoper" so gut, dass man sich an den Ovationen am Schluss guten Gewissens beteiligen kann!