Am Anfang ist Musik. Paul Wallfisch und Dana Schechter besetzen die ersten beiden Bühnenlogen und legen mit einer variantenreichen Tonspur los - zwischen pianozart und metallicahart liegen bei diesen Turntable-Meistern nur wenige Augenblicke. Nach einem ordentlich lauten Krach, der das Publikum beinahe aus dem Sitz befördert, hebt das Bühnenspiel schließlich an. Kay Voges, der neue Volkstheater-Intendant, eröffnet seine erste Spielzeit mit der österreichischen Erstaufführung von Wolfram Lotz‘ Theatergedicht "Die Politiker": Kein gefälliger Start, ein durchaus gewagtes Unternehmen.

Andreas Beck (M.) in der "Politiker"-Szenerie. - © Volkstheater
Andreas Beck (M.) in der "Politiker"-Szenerie. - © Volkstheater

"Die Politiker". Gezählte zehn Mal wird der Begriff wiederholt, bevor es im Bühnentext weitergeht: "Was haben sie vor?" Das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitschs zitiert zunächst mit zartgedrechselten Säulen antike Tempel; später wandelt sich die Szenerie in wabenartige Büros. Mona Ulrichs wallende Weiß-Kostüme nehmen anfangs ebenfalls Anleihen an griechischen Togen; nach einem Kostümwechsel stecken die Bühnenfiguren in gleichförmigen Anzügen, natürlich kleinkariert. Der Abstieg von der griechischen Polis, dem Ursprung des Demokratischen und Politischen, zum nüchternen Schreibtischtäter scheint hier vorprogrammiert.

Buntes Treiben

Wolfram Lotz’ Text ist da längst nicht so eindeutig. Auf 99 Seiten zerlegt der 40-Jährige, einer der profiliertesten Dramatiker seiner Generation, den Begriff des "Politikers" nach allen Regeln der Kunst. "Die Politiker", mehr Gedicht denn Drama, bleibt ohne Handlung und verzichtet auf Bühnenfiguren, gleicht eher einem Stream-of-Consciousness, in dem Tiefgründiges flirrend mit Absurdem wechselt. Ein satirischer Zeitkommentar, unermüdliche Anklage, dadaistische Politik-Demontage in einem.

Regisseur Voges und sein 13-köpfiges Ensemble greifen den Rhythmus des Textes an diesem Abend gekonnt auf und präsentieren in ihrer 100-minütigen Inszenierung ein beeindruckendes Potpourri, das zeigt, wie sich das Gegenwartstheater sperrige Sprechtexte gefügig macht: Von Predigt über Posse, Gesang und Chor, berührenden Monologen bis zu peinigender Stille wird so gut wie kein gängiges Stilmittel ausgelassen, um dem überbordenden Fließtext auf der Bühne Herr zu werden; auf Bildschirmen wird das bunte Treiben visuell noch verstärkt.

Die Aufführung hat einige wirklich gelungene Momente, das neue Volkstheater-Ensemble agiert vielversprechend. Leider überzeugt das Ganze nicht restlos. Trotz der Intensivanstrengung aller Beteiligten zerfällt der Abend immer wieder in Miniatur-Dramen, die sich nur um sich selbst drehen. Lärm bis zuletzt.