Der Bühnenboden ist mit Stroh ausgelegt, eine nahezu raumhohe Installation dominert das Bühnenbild. Von außen betrachtet ähnelt sie einem überdimensionierten Helm eines trojanischen Soldaten, das Innenleben eine Art Séparée, daneben ein Bankomat, dazu ein Bretterverschlag, hinter dem sich eine Bar mit "Coca-Cola"-Schild verbirgt. Schließlich noch der Abgang in das Verlies der Unterbühne, das mit seinen Eisenstäben an einen mittelalterlichen Kerker gemahnt. Was sich im Hinter- und Untergrund abspielt, bekommen die Zuschauer im Akademietheater nur via Bildschirm mit.

Bühnenbildner Aleksandar Denić hat für "Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen" einen herrlich abgründigen Mistplatz der Geschichte entworfen, auf dem sich Regisseur Frank Castorf und sein sechsköpfiges Ensemble in den kommenden dreieinhalb Stunden an Elfriede Jelineks jüngstem Stück austoben werden.

Ein "Schweinesystem"

Auf knappen 83 Seiten entwirft die Literaturnobelpreisträgerin in "Lärm" eine prächtige Irrfahrt durch die mediale Beschäftigung mit dem Sars-CoV-2-Virus. Nachrichten und Befindlichkeiten, nüchterne Erklärungen und krude Verschwörungstheorien fügen sich hier nahtlos ineinander, die krassesten Gegensätze trennt Jelinek nur durch Punkt und Beistrich. "Lärm" wirft luzide Blicke auf das beklemmende Stimmengewirr rund um die Pandemie.

Der erste Auftritt im Akademietheater gehört folgerichtig einem Beatmungsgerät. Burgtheaterschauspielerin Andrea Wenzl trägt schwer an ihrer Straußenfedernkrone und presst Branko Samarovski, der sich in einem bunten Morgenmantel kurzatmig auf einem Thron fläzt, die Beatmungsmaske auf Mund und Nase. In einem Monolog erzählt Wenzl davon, wie Odysseus‘ Gefährten durch die Zauberin Circe in Schweine verwandelt werden: Jelineks Text bezieht sich auf den zehnten Gesang der Homerschen "Odyssee" - allerdings werden die Querverweise in der Castorf-Fassung weidlich ausgeschlachtet, geraten zuweilen langatmig.

Von den zwangsverzauberten Schweinen aus der Mythologie bis zum gegenwärtigen Skandal der Massentierhaltung und Fließbandarbeit in Fleischfabriken reicht Jelineks Assoziationskette: Die Gier und Brutalität, die in Zuchtbetrieben und Schlachthöfen stattfindet, wird in "Lärm" zur Metapher für die Krise der Gegenwart - der entfesselte Kapitalismus, das buchstäbliche "Schweinesystem". Diese Vorlage sollte gerade für einen Regisseur wie Castorf ideales Spielmaterial sein. Erstaunlicherweise knirscht und ächzt die Umsetzung jedoch beträchtlich.

Die Kombination von Original- mit Fremdtexten und Assoziationen der jeweiligen Schauspielerinnen und Schauspieler sind bewährte Bestandteile von dessen Inszenierungsmethode; absichtlich wird Unordnung in die Erzählordnung gebracht, Störung und Irritation sind Programm. Glückt das Unternehmen, ergeben die wirr-ausgeklügelt geordneten szenischen Splitter und Partikel schillernde Gesamtbilder. Bei "Lärm" geht die Rechnung leider nicht ganz auf: Das "Lärm"-Kaleidoskop will nicht recht funkeln.

Auf der Bühne ist dennoch der Teufel los. Da ist Marcel Heuperman: Einmal steckt er in einem voluminösen Ganzkörperkostüm, das die fünf Finger einer Hand darstellt, und versucht, dick wattiert, einen Bankomat zu bedienen - effektvoll-komisches Scheitern. Mehmet Ateșçi rettet die Situation. Als Voodoo-Priester im Strohkostüm schlägt er mit einem gigantischen Hammer auf den Geldautomaten ein, zerschlägt diesen und stürmt mit den Geldkassetten davon, gefolgt von Dörte Lyssewksi und Marie-Luise Stockinger, die sich die Geldscheine wahlweise ins Dekolleté oder Maul stopfen. Wenzl tanzt dazu den sterbenden Schwan.

Dann werden auch noch Szenen aus dem Band "Ischgl" des Tiroler des Fotografen Lois Hechenblaikner andeutungsweise nachgestellt; Hechenblaikner dokumentierte die Après-Ski-Partys des Tourismusortes als Prä-Corona-Wahnsinn, der später zum Superspreader-Event ausarten sollte. In der Inszenierung fließt der Wodka ebenfalls in Strömen, die Schauspielerinnen flößen einander via Trichter Schnaps ein, begießen sich mit Bier, kommentieren so Hechenblaikners Bildzeugnisse der Hemmungslosigkeit und Geschmacklosigkeit. Bei dem Schlagabtausch wird deutlich: Was sich in Ischgl Abend für Abend abspielte, damit kann kein Castorf-Theater mithalten - und will es gar nicht. Das wahre Sodom und Gomorra bleibt noch immer der Realität vorbehalten.