Fremd ist der Fremde nur in der Fremde", Karl Valentins Worte könnten den Subtext zu Sandra Cerviks ersten Auftritt als Medea liefern. Im schwarzen schmucklosen Gewand betritt sie die leer geräumte Bühne des Theaters in der Josefstadt, ein einziger Scheinwerfer beleuchtet notdürftig die düstere Szenerie. Cervik reibt sich wie in einem geheimen Ritual mit Erde Handgelenk und Schläfen ein, gleich darauf putzt sie sich am Boden hockend die Zähne. Im Einklang mit sich selbst ist diese Medea immer dann, wenn sie alleine ist, sobald andere Bühnenfiguren auftreten, wird sie herumkommandiert, zum Fremdkörper degradiert, einfach nicht integrierbar.

Regisseur Elmar Goerden versucht, Medea nicht nur als monströse Kindsmörderin zu porträtieren, sondern will die Bühnenfigur in ihrer Vielschichtigkeit ergründen. Augenfälligster Anknüpfungspunkt für dieses Vorhaben ist Medeas soziale Ächtung, von der griechischen Gesellschaft wird sie als Barbarin gedemütigt und als Hexe gefürchtet.

Mord und Kindergeburtstag

In Goerdens Inszenierung sorgen Lydia Kirchleitners Kostüme für visuelle Klarheit: Wolfgang Hübsch trägt als König Kreon ein buntes Hawaii-Hemd, Katharina Klar stellt Kreons Tochter Kreusa als blondgelockte Prinzessin im eleganten Abendkleid dar, in diesem knallbunten Umfeld wirkt Cerviks Medea seltsam deplatziert, gleicht mehr einer Dienstmagd als einer ehemaligen Königstochter. Joseph Lorenz verkörpert Jason im akkuraten Anzug als müden Möchte-gern-Karrieristen, der endlich wieder dazugehören will. Der Held der griechischen Mythologie im Burnout.

In Grillparzers "Medea", Kernstück der zwischen 1818 und 1821 entstandenen Trilogie "Das Goldene Vlies", unternahm der Dramatiker bereits den Versuch, Medeas Verbrechen verständlich zu machen: Für Jason ins Exil verdammt, verlässt dieser sie für Kreusa, während man Medea verbannen will und ihr zu guter Letzt auch noch die Kinder wegnimmt. Medea, ein Opfer der Umstände.

Auch beschreibt Grillparzer die Ehekrise zwischen Jason und Medea, wie Cervik und Lorenz sich in Goerdens Inszenierung nach allen Regeln der Kunst in die Haare geraten, gehört gewiss zu den Höhepunkten der Inszenierung, die sonst darstellerisch ziemlich gleichförmig dahin dümpelt und auch an einigen fragwürdigen Regieeinfällen kränkelt - etwa die sinnentleerten Dusch-Szenen.

Goerdens Deutung stützt sich indes nicht nur auf Grillparzer, sondern verwebt die stark bearbeitete Vorlage noch mit der feministischen Lesart etwa von Ursula Haas ("Freispruch für Medea", 1987) und Christa Wolf ("Medea. Stimmen"; 1996), in deren Romanbearbeitungen Medea als Sündenbock dargestellt wird. Cervik gelingt hier ein packender Monolog über die undankbare Rolle als Gattin und Mutter.

Die 100-minütige Aufführung bringt immer wieder mitreißende Momente auf die Bühne, umso mehr ist man über das Ende verstimmt. Der Mord an den Kindern geschieht auf offener Bühne so beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. In einer finalen Fantasie, die so freilich bei Grillparzer nicht vorgesehen ist, feiert die ganze Familie fröhlich Kindergeburtstag - die Söhne sind wieder am Leben und blasen Kerzen am Kuchen aus, auch Kreusa und Kreon sind mit von der Partie. Dieses eigenwillige Ende wirkt wie ein Verrat an der gesamten Inszenierung, die zusammenfällt wie ein Kartenhaus.