Was hat diese Inszenierung nicht alles mitgemacht? Vor zehn Monaten wäre sie schon auf dem Spielplan des Burgtheaters gestanden, als erste Neuproduktion fiel sie dem zweiten Corona-Lockdown zum Opfer. Es folgten Voraufführungen vor jeweils 100 Leuten in der "Modellregion Vorarlberg" im April und ein Live-Stream kurz vor der Öffnung im Mai. Jetzt ist Shakespeares Königsdrama "Richard II." in der Inszenierung des Niederländers Johan Simons endlich regulär zur Premiere im Burgtheater gekommen.

Dessen Jungstar Jan Bülow, bekannt als aufstrebender Udo Lindenberg aus der Filmbiografie, ist immer noch ziemlich jung: Nunmehr 25-jährig gibt er die Titelrolle mit der ihr angemessenen Zurückhaltung.

Trumpesk

Anders als sein buckliger Nachfolger mit der Nummer III ist der Zweier-Richard ein unsteter Charakter, ein führungsschwacher König, der mit elf schon auf dem Thron landete und gerne ordentlich regiert hätte, aber stets die falschen Entscheidungen traf. In seinem an Taschen reichen Einteiler (Kostüme: Greta Goiris) wirkt der großgewachsene Bülow, als hätte seine Mami ihn da hineingesteckt. Er spricht flötend kokett, oft eine Spur zu leise, bemitleidet sich selbst und resigniert praktisch bei erster Gelegenheit, als ihm sein Cousin Heinrich Bolingbroke die Macht zu entreißen versucht. Die alles andere als virtuose Darstellung erweist sich als schlüssig.

In Verbindung mit Johan Simons’ demokratischer Schauspielführung, unter der das ganze Ensemble stets präsent ist, bewirkt sie zudem, dass auch andere etwas vom Scheinwerferlicht abbekommen (dieses kommt von einer einzigen, sehr hellen Leuchte, die von der Bühnenrampe nach hinten strahlt). Stacyian Jackson als Königin Isabel hütet und streichelt ihren Gemahl (geradeso, als wäre sie die Mutter, die ihm besagte Kleidung ausgesucht hat), wirkt auf dem Parkett der Macht aber genauso fehl am Platz wie er, auch wenn sie deutlich mehr Energie und letztlich Galgenhumor an den Tag legt.

Sarah Viktoria Frick ist Heinrich Bolingbroke: Wie ein trumpesk-trotziges Kind erkämpft er sich die Krone von Richard und grollt, als dessen Abdankung zwar freiwillig, aber nicht zeremoniell unterwürfig genug erfolgt. Der Beraterstab wechselt aus mangelndem Rückgrat die Seite: Oliver Nägele, Sabine Haupt und Bardo Böhlefeld als Familie York beim Jämmerlichsein zuzusehen, macht schmunzeln.

Shakespeare schrieb "Richard II." in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts, ungefähr zeitgleich mit "Romeo und Julia" und "Ein Sommernachtstraum". Das typische Königsdrama ist es nicht: Blutige Hinrichtungen und Rachepläne halten sich in Grenzen, dafür wird viel reflektiert und gehadert, so präzise wie unspektakulär. Die Übersetzung des deutschen Schriftstellers Thomas Brasch, die schon Claus Peymann für seine Inszenierung mit Michael Maertens im Jahr 2000 verwendete, gibt dem Text etwas Zeitloses, dennoch Lyrisches, bisweilen darf Martin Schwab als greiser Mentor Gaunt sogar reimen.

Der Handlung lässt sich also gut folgen, interessant wird sie jedoch erst nach der Hälfte der pausenlosen zwei Stunden, wenn alle dort angekommen sind, wo sie am Ende sein werden, und ihre psychologischen Spielchen ausleben können. Da bläst Richard wie verkatert Trübsal, da lässt Bolingbroke-Handlanger Northumberland (Johannes Zirner) den harten Hund raushängen und versucht sein Sohn Percy (Lukas Haas) übereifrig, die Gunst des neuen Königs zu erlangen, indem er den alten im Tower ermordet - im Original tut dies eine andere Figur, die hier mit Percy zusammengelegt wurde. Jedenfalls geht es schief, in Heinrich IV. erwacht der Staatsmann, er verurteilt den Meuchelmord und kündigt an, Buße tun zu wollen. So stehen die Überlebenden am Ende beklommen da und schauen unbehaglich erhobenen Hauptes nach vorn, als das Licht erlischt.

Ähnlich wie für "Hamlet", Simons‘ zum Berliner Theatertreffen eingeladener Bochumer Shakespeare-Inszenierung 2019, hat Johannes Schütz die Bühne für das zentrale Geschehen wie eine Kampfarena oder ein leeres Schwimmbecken gegenüber den Rändern abgesenkt. Dahinter steht für jedes Ensemblemitglied ein Stuhl zum Zusehen und Gesehenwerden. Vorne in der Mitte zerfällt ein stilisiertes Königshaus anfangs rasch in seine Einzelteile. Diese verschieben die Spielerinnen und Spieler während des Abends mehrmals, legen sie als Hindernisse um oder reihen sie zum Spalier für königliches Einherschreiten an. Diese Umbauten könnten zügiger vonstattengehen, sie hemmen den sonst flüssigen Lauf der Inszenierung. Die entstehenden Bilder sind aber schön anzusehen, die Symbolik der Bühnenmodule ist klar. Sie lassen sich als Throne mit sehr hoher Lehne lesen, von der aber nur der Rahmen übrig ist: Wo das Rückgrat wäre, klafft eine Lücke.

Diese konsequente Versammlung von Schwächlingen in einem Stück trotzt Respekt ab. Einen aufregenden Theaterabend ergibt sie nicht, eher Stoff für die feine Klinge. Es empfiehlt sich, die Ohren zu spitzen und nach Möglichkeit vorne zu sitzen.