Gramvoll blickt mancher Musiktheater-Chef in die Zukunft. Die alte Dame Oper hat zwar heute noch ihr Publikum - doch werden sich die Menschen auch morgen an den inbrünstigen Spitzentönen weiden und eine zeitgenössische Phobie namens "Schwellenangst" überwinden?

In den 90er Jahren schien die Grenze zwischen E- und U-Musik kurzzeitig aufgelöst. Ganze Stadien ließen sich mit Arienprogrammen befüllen - jedenfalls, wenn die Namen von drei Weltmarktführern auf dem Ticket prangten, nämlich Plácido Domingo, Luciano Pavarotti und José Carreras. Beflügelt von ihrem Debüt als Trio - bei der Fußball-WM 1990 vor angeblich einer Milliarde TV-Zusehern -, vereinten sich die drei immer wieder zu dem, was man in der Popwelt eine Supergroup nennt: ein Zusammenschluss mehrerer Stars mit entsprechender Zugwirkung. Im Fall der "Drei Tenöre" und ihrer Ohrwurm-Programme eröffnete dies tatsächlich enorme Verdienstmöglichkeiten. Stimmt zwar: Ein Verdi hat seine Arien nicht für den Häppchengebrauch geschrieben, geschweige denn für drei alternierende Sänger. Doch wen kratzte es, wenn diese Tenor-Trinität mit ihren Platten, Arena- und TV-Auftritten den Rubel rollen ließ? "Man nannte es den Rock’n’Roll der Klassik", erinnerte sich der Dirigent Marco Armiliato in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" an eine Tour mit dem Trio. Der seltsamste Auftrittsort: ein Kasino in Las Vegas. "Die Leute waren völlig irre, sie schrien und wollten uns berühren, vor allem natürlich die Tenöre."

Vom Friseursohn zum Star

An eine Neuauflage ist, trotz der grassierenden Revival-Lust, natürlich nicht zu denken. Luciano Pavarotti, das Naturtalent für das hohe C, segnete bereits im Jahr 2007 das Zeitliche. Plácido Domingo, der Jahrhundertsänger im doppelten Sinn, steht mit 80 noch immer (als Bariton) an der Rampe, denkt aber auch langsam ans Leisertreten. Und José Carreras, das einst drahtige Energiebündel? Er sagt den Bühnen wohl nun endgültig Adieu: Am Dienstag bittet der 74-Jährige seine Verehrer in der Wiener Staatsoper zu einer Abschiedsgala in einem eher intimen Rahmen. Der Pianist Lorenzo Bavaj begleitet die Opernlegende, Elina Garanča, der führende Mezzo der Gegenwart, veredelt den Abend als Bühnengast.

Carreras’ Töne dürften Erinnerungen bei Wiens Opernveteranen wecken: Fast ein halbes Jahrhundert ist her, dass der Spanier erstmals an der Staatsoper auftrat, nämlich 1974, 1977 sorgte er hier endgültig für Furore: Der Mann, der im Friseursalon seiner Mutter einst die Kundschaft besungen hatte, wurde für seinen Rodolfo mit, so geht die Legende, mehr als 30 Minuten Beifall beschenkt. Das sinnliche Timbre, das schmeichlerische Piano, die spannungsgeladene Attacke des jungen Carreras: Sie sicherten ihm die Paraderollen des Tenorfachs, den Calaf ebenso wie den Cavaradossi und den Don José, dem er eleganten Schneid verlieh. Rund 140 Abende hat der Katalane an der Wiener Staatsoper bis zum Jahr 2004 gesungen und dabei mehr als 20 Rollen verkörpert. 2009 kehrte er den Opernbühnen den Rücken - machte aber noch eine Ausnahme für ein Stück, das ihm Christian Kolonovits auf den Leib komponiert hatte: In der Titelrolle von "El Juez" begab sich Carreras auf die Spuren des spanischen Bürgerkriegs, in den auch sein republikanischer Vater verwickelt war. 2016 stand Carreras in der Rolle des Richters ein letztes Mal auf einer heimischen Opernbühne - im Theater an der Wien.

Dabei grenzt es an ein Wunder, dass Carreras das Jahr 1987 überlebt hatte. Elf Monate lang war er wegen Blutkrebs im Spital gelegen und rang mit dem Tod. Eine Knochenmarkstransplantation brachte ihn schließlich auf die Bühne zurück, wo er seither regelmäßig für die gute Sache singt, nicht zuletzt im Namen seiner eigenen Leukämie-Stiftung, für die er eine jährliche TV-Weihnachtsgala mit Stars aus Pop und Klassik veranstaltet.

Auch der jetzige Wien-Termin steht im Zeichen des Benefiz, kommt Carreras’ Gage doch der Stiftung Cape 10 zur Armutsbekämpfung zugute. Ob der Mann aus Barcelona nun wirklich Schluss macht? Bleibt abzuwarten. Carreras hat seine Abschiedstour auf "zwei bis drei Jahre" angelegt - aber diesen Satz vor mittlerweile fünf Jahren gesagt.