Humor ist, wenn man trotzdem lacht - und ein Meisterhumorist ist, wer noch am Rand des Abgrunds einen Komödienreißer verfasst. Paul Abraham (Musik), Alfred Grünwald (Dialog) und Hans Weigel (Liedertexte) ist ein solcher Tanz auf dem Vulkan geglückt: Das jüdische Trio brachte 1937 im Theater an der Wien "Roxy und ihr Wunderteam" heraus, ein Jahr später landete die Operette im Kino - als vorerst letzte Koproduktion des freien Österreichs mit Deutschland vor einer düsteren Folgezeit: Abraham, Spezialist für eine moderne, swingende Operette, flüchtete ins Jazzmutterland USA und trug dort als Komponist erfolglos Eulen nach Athen; Grünwald starb 1951 in New York. Allein Weigel fasste im Nachkriegs-Wien Fuß, wollte als Literaturpapst aber nicht mehr an die Kalauer seiner Jugend erinnert werden. Was wohl nur selten geschah: Die jüdische Jazz-Operette war mit dem "Anschluss" gestorben, und bald auch die Gattung an sich. Was nach dem Kriegsende auf die Bühnen zurückkehrte, waren meist museale Stücke aus der Kaiserzeit.

Die 20er waren nicht zu Ende

Ein Jammer, denn "Roxy und ihr Wunderteam" ist ein Wurf. Wer meint, die wilden 20er Jahre hätten 1930 ihr Ablaufdatum gehabt, wird in dieser kessen Kicker-Komödie eines Besseren belehrt. Die Premiere an der Wiener Volksoper darf dabei auch als Balsam für die geschundene, österreichische Fußballseele gelten: Immerhin spielt das Stück auf jenes historische, heimische "Wunderteam" an, das zwölf Spiele lang ungeschlagen blieb.

In der Operette wurden allerdings die Nationen getauscht: Die Spitzen-Mannschaft dribbelt hier unter ungarischer Flagge und erspielt sich anfangs einen Pokal gegen die Englänger. Doch die fordern Revanche, weshalb sich die Magyaren zum Training aufs Land zurückziehen - Feiern, Frauen, Flaschen-Entleeren verboten. Doch es kommt natürlich anders: Das flatterhafte Fräuleinwunder Roxy entflieht ihrer Hochzeit mit einem Automatenbüffet-König und taucht bei den Fußballern unter. Und außerdem: Der Gutsverwalter am Plattensee vermietet das Gelände heimlich an ein Mädchenpensionat, womit Sodom und Gomorra Tür und Tor geöffnet sind - so sehr die Leiterin des Mädelbundes auch keppelt und sich der ehrgeizige Mittelstürmer Gjurka anfangs dagegen wehrt, in Roxys Armen zu landen.

Elf Jahre ist es her, dass sich die Volksoper das letzte Mal mit Paul Abraham beschäftigt und "Die Blume von Hawaii" in ein ödes Regietheaterland verpflanzt hat. Diesmal setzt sie auf das richtige Pferd: Regisseur Andreas Gergen stellt eine Show auf die Bühne, nach deren Rasanz sich das (Ex-)Operetten-Mekka Mörbisch alle Finger abschlecken könnte. Das Bühnenbild (Sam Madwar) und die Kostüme (Aleksandra Kica): Nostalgische Eleganz von der Federboa bis zum Fußballdress, von der Showtreppe bis zur Videoansicht eines alten Londons, durch das eine Mary Poppins an Fäden schwebt. Ebenso mühelos schnurrt diese Show dahin, mit flüssigen Bühnenumbauten und einem Ensemble, das fast so koordiniert in Bewegung bleibt wie der FC Barcelona. Reines Unterhaltungstheater? Ja, doch alles andere wäre Themenverfehlung. Die Textfassung (Gergen und Christoph Wagner-Trenkwitz) verwertet reichlich erotische Pointen, landet dabei aber nicht auf einem Teenager-Level. Die zotigsten Zeilen stammen übrigens von Weigel selbst: Der lässt Roxy in einem ironischen Auftritt die Freuden der biederen Häuslichkeit besingen, inklusive einer "kleinen, feinen Handarbeit für den, der dich verehrt". 1937 war das nicht zuletzt Hohn gegenüber dem Frauenbild der Nazis. Apropos: Die klingen in der Volksoper zumindest in prägnanter Kürze an. Der zwielichtige Mannschaftspräsident, erfährt man zuletzt, hat schon gute Kontakte nach Berlin geknüpft.

Doch "Roxy" will in erster Linie vergnügen, und das gelingt auch dem Orchester: Dirigent Kai Tietje bringt den bunten Melodienstrauß mit reichlich Swing, Foxtrott, Schlager und Csárdás zum Leuchten und hält die opulente Bläsergruppe und das Schlagzeug zu knackigen Akzenten an. Kein Verbrechen, dass die tanzenden Sänger unter diesen Bedingungen Mikros tragen: Jörn-Felix Alt charmiert als Mittelstürmer mit goldenem Herzen, Peter Lesiak erheitert als Sexprotz im Tor (mit etwas versteifter Stimme), und Katharina Gorgi tanzt, singt und geigt sich als Roxy in die Fan-Herzen. Zuletzt euphorischer Beifall, auch für Hausherr Robert Meyer als schottischer Onkel der geflüchteten Roxy mit entsprechend saurer Miene. Waren in Summe vielleicht etwas viele Pointen über die sprichwörtliche Knausrigkeit dieses Karo-Trägers. Aber vielleicht auch ein Labsal nach der heimischen Fußball-Schlappe gegen Schottland.