Eigentlich hätte Dominique Meyer zur Mitte des Vorjahres zwei mondäne Bühnen gleichzeitig leiten sollen. Doch aus Pandemiegründen stand er bald als Direktor ohne Haus da. "Ich bin der Weltmeister im Schließen", sagte Meyer am Dienstag vor Wiener Journalisten selbstironisch: Innerhalb einer Woche habe er erst die Wiener Staatsoper dichtmachen müssen, die Meyer soeben als Direktor verließ – und dann die Mailänder Scala, deren Chefsessel er gerade übernommen hatte.

Ganze 14 Mal hat der gebürtige Elsässer dann den Spielplan in Italien adaptiert und sich letztlich auf Produktionen für TV-Kameras konzentriert. Ein Lavieren von Tag zu Tag, doch mit positiven Erfahrungen: Das System der Kurzplanung habe weitgehend funktioniert, die Mannschaft erwies sich als flexibel. Und auch die Gespräche mit den Gewerkschaftern hätten sich weniger "sportlich" gestaltet, als dies der gebürtige Franzose befürchtet hatte. Die Scala kam schließlich mit schwarzen Zahlen durch die Krisensaison, trotz eines Minus von 29 Millionen Euro in der Ticketkasse. Neben Hilfsmaßnahmen wie der Kurzarbeit halfen vor allem private Geldgeber – mit 35 Millionen Euro gab es sogar einen Sponsoring-Rekord zu vermelden.

Nebtrebko zur Eröffnung, neue Stühle in Planung

Derzeit darf die Scala nur 50 Prozent ihrer Sitze besetzen, rechnet allerdings wieder mit einer vollen Kapazität für den traditionellen Saisonstart im Spätherbst. Am 7. Dezember eröffnet Verdis "Macbeth" mit Luca Salsi und Anna Netrebko als Herrscherpaar die Spielzeit, Musikdirektor Riccardo Chailly dirigiert, Davide Livermore inszeniert. Weitere Highlights unter den neun Neuproduktionen: Massenets "Thais" mit Marina Rebeka und Ludovic Tézier in einer Regie von Olivier Py sowie Giordanos "Fedora" mit Sonya Yoncheva in einer Inszenierung von Mario Martone. Aus Wien wird "Ariadne auf Naxos" in der Regie von Sven-Eric Bechtolf übernommen, auch die hierzulande bereits erprobte Shakespeare-Vertonung "The Tempest" von Thomas Adès übersiedelt nach Norditalien.

Wie schon an der Staatsoper steht auch in Mailand Manuel Legris dem Direktor als Ballettchef zur Seite: Er zeigt in der kommenden Saison unter anderem "La bayadère", seine bereits Wien-erprobte Choreografie von "Sylvia" sowie John Crankos "Onegin". Ein erweitertes Aufgebot an Konzerten polstert das Programm zusätzlich auf. Zudem plant Meyer Neuerungen für das Haus: So soll jeder Sitzplatz nach Wiener Vorbild eine Untertitelanlage erhalten, auch ein weltweiter Streaming-Service (abrufbar über die Homepage) ist angedacht. Außerdem sollen die traditionellen Sessel durch komfortablere ersetzt werden. "Derzeit sitzt man überall miserabel", sagt Meyer, der verschiedene Varianten auf ihren Komfort und ihre akustischen Eigenschaften im Raum überprüfen lassen will.