Kay Voges’ Intendanz am Volkstheater beginnt mit einem Premierenfeuerwerk: Mit Dostojewskis Romanbearbeitung "Erniedrigte und Beleidigte" findet heute (15. September) bereits die dritte Premiere statt. Drei weitere Neuinszenierungen stehen im September noch auf dem Spielplan.

In den vergangenen Jahren kämpfte die Bühne um ein eigenständiges Profil und litt zuletzt unter massivem Besucherschwund. Mit der "Wiener Zeitung" sprach Kay Voges über den Neustart und seine Vision für ein Volkstheater im 21. Jahrhundert.

"Wiener Zeitung": Wie wollen Sie das Volkstheater in der sehr ausdifferenzierten Wiener Theaterlandschaft verorten? Was haben Sie sich vorgenommen?

Kay Voges. - © apa / Hans Punz
Kay Voges. - © apa / Hans Punz

Kay Voges: Das Volkstheater war seit dem 1. Jänner 2020 geschlossen, zunächst wegen der Sanierung, dann kam Corona, im Mai dieses Jahres hatten wir zehn Tage offen - was für eine Erleichterung. Jetzt geht es endlich richtig los, es ist für uns wie ein absoluter Neustart und ich bin freudig aufgeregt. Das Volkstheater soll kein Theater sein, das von einem Elfenbeinturm herab entwickelt wird, sondern mitten aus dem Leben schöpft und sämtliche Kunstsparten miteinbezieht. Wir wollen ein Theater für Jung und Alt, für Besucherinnen und Besucher vom 23. bis zum ersten Bezirk. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, bieten wir verschiedene Formate an, die ganz unterschiedliche Publikumsschichten ansprechen sollen. Ich möchte das Theater für alle öffnen, den Menschen in seiner Gesamtheit, vom Kopf bis zur Seele ansprechen, der Fuß kann auch mitwippen.

Sie engagieren etwa die Choreografin Florentina Holzinger sowie die bildenden Künstler Jonathan Meese und Ragnar Kjartansson. Was suchen Sie in der Zusammenarbeit mit theaterfernen Künstlern?

Auf der Suche nach gegenwärtigen Erzählformen wollen wir nicht nur in unserer eigenen Soße schwimmen. Wir fragen uns: Wo sind die Autorinnen und Autoren, die uns neue Perspektiven eröffnen? Was passiert gerade in anderen Kunstsparten? Wo erhalten wir neue Impulse? Welche gesellschaftspolitischen Debatten sind relevant? Wir holen uns Expertise aus vielen Bereichen, um unser Theater möglichst vielfältig zu gestalten.

Sie sind dafür bekannt, die digitale Revolution am Theater voranzutreiben. Was haben Sie hier weiter vor?

Die Digitalisierung ist eine Zeitenwende in der Menschheitsgeschichte, die vor etwa 40 Jahren eingeläutet wurde. Der Blick auf die Welt hat sich seitdem fundamental geändert. Das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderung können wir noch gar nicht vollständig erfassen, historisch lässt sich das am ehesten mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen und den massiven Umwälzungen, die damit einhergingen. Heute können wir an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit miteinander in Kontakt sein, wir können unfassbare Datenmengen speichern, es gibt nahezu keinen Bereich des öffentlichen und privaten Lebens, der nicht von Digitalität durchdrungen ist. Was ergibt sich daraus fürs Theater? Wie erzählen wir Geschichten im digitalen Zeitalter? Was sind unsere Probleme in und mit dieser Zeitenwende? Wie verändern sich gerade die Spielregeln der Gesellschaft? Die großen Fragen der Menschheit beschäftigen das Theater seit Anbeginn, wir untersuchen nach wie vor dieselben Fragen, nun allerdings unter dem Vorzeichen des digitalen Wandels.

Ist das digitale Theater ein neues Genre?

Ich scheue mich, den Begriff digitales Theater zu verwenden. Das Theater war stets der Gegenwart verpflichtet und hat sich mit technischen Errungenschaften weiterentwickelt: Angefangen von Windmaschine und Flaschenzug bis hin zur Elektrizität und Filmprojektionen sind digitale Möglichkeiten einfach technologische Neuerungen, die in die Theaterarbeit einfließen. Das alles verdrängt aber keineswegs den Menschen von der Bühne, sondern stellt nur die alten Fragen im neuen Licht.

Im deutschsprachigen Stadt- und Staatstheater werden gerade hierarchische Führungsstrukturen heftig kritisiert. Wo verorten Sie sich in der Debatte?

Wir setzen uns hier am Volkstheater für eine kollegiale Arbeitsatmosphäre ein, mit flachen Hierarchien und respektvollem Umgang. Meine Stellvertreterin Mirjam Beck und ich führen gemeinsam das Haus und unsere Türen sind immer offen. Mich ärgert dieses Pharisäertum maßlos: Auf der Bühne spricht man von einer besseren Welt und hinter der Bühne führt man sich dann auf wie ein Berserker. Das muss endlich aufhören.

Wie sieht die finanzielle Situation des Hauses aus?

Ich bin zutiefst dankbar für die drei Millionen Euro Budgeterhöhung von Stadt und Bund, das war längst überfällig. Für meine Vorgängerin Anna Badora muss das ein Kraftakt gewesen sein, eigentlich nicht zu machen. Die Erhöhung verschafft uns eine Atempause, die leider nicht von Dauer sein wird, allein durch Inflation und Tariferhöhungen schrumpft der Betrag jährlich um nahezu 400.000 Euro. Verglichen mit dem Schwesternhaus in Hamburg, das acht Millionen Euro mehr erhält als das Volkstheater, ist die Bühne nach wie vor unterdotiert.