Aus der Dunkelheit treten sieben Bühnenfiguren nacheinander ins Licht, wortlos nehmen sie Posen ein, am Bühnenrand wird leise Klavier gespielt, Schneeflocken rieseln vom Bühnenhimmel. Am Volkstheater beginnt die Inszenierung von "Erniedrigte und Beleidigte" wie eine poetische Installation. Die Kostüme (Hildegard Altmeyer) sind ganz in Schwarz-Weiß gehalten, erinnern an das 19. Jahrhundert, die Entstehungszeit von Dostojewskis berühmtem Großstadtroman.

Der Theaterabend in der Regie von Sascha Hawemann lässt sich Zeit, aber sobald die melancholische Grundstimmung einmal abgestreift ist, irrlichtern die Szenen beinahe drei Stunden lang ohne inneren Rhythmus. Die Aufführung zerfällt in Einzelteile, wobei es wirklich gelungene Momente gibt, aber auch ziemliche Durchhänger.

Dostojewski, russischer Romancier von Weltrang, beflügelt mit seinen figurenreichen Wälzern und düsteren Menschenbetrachtungen das Gegenwartstheater seit längerem.

Verzerrungen

Gerade "Erniedrigte und Beleidigte", in dem Liebesverwirrungen mit sozialem Auf- und Abstieg verwoben sind, erfreut sich großer Beliebtheit. 2001 feierten Frank Castorfs Big-Brother-Bühnen-Exerzitien mit dem Volksbühnen-All-Star-Ensemble bei den Wiener Festwochen Premiere, 2019 brachte Sebastian Hartmann eine freihändige Version in Dresden heraus, beide Aufführungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Ausstattung der Wiener Inszenierung (Bühne: Wolf Gutjahr) ähnelt sogar Hartmanns Bühnenbild: Da wie dort wird ein Spitalsbett und eine Badewanne zum wichtigen Requisit, auch der inszenatorische Zugriff erinnert an das Dresdner Projekt, wobei sich Hartmann indes noch weit mehr vom Roman freispielte.

Regisseur Sascha Hawemann und Dramaturgin Anne-Kathrin Schulz haben eine durchaus gelungene Fassung erarbeitet, in der Bühnenkonventionen lässig ausgehebelt werden: Der Schriftsteller Wanja, im Roman die auktoriale Erzählerfigur, wird auf der Bühne von verschiedenen Akteuren dargestellt, fallweise gleichzeitig, das fluide Rollenbild erzeugt eine interessante Verzerrung der Erzählperspektive. Die übrigen Figuren, vor allem die Frauen bleiben hingegen in ihrem Leid ident mit sich selbst.

Das Volkstheater-Ensemble zeigt sich erneut vielversprechend, allen voran Andreas Beck als formvollendeter Wüterich Fürst Walkowski und Lavinia Nowak als Nelly, trotzige Prostituierte und Prinzessin. Die Fassung findet eine Balance zwischen nachvollziehbarer Handlung und Spielraum für performative Exkurse. Nur wird dieser Freiraum nicht überzeugend genutzt: Einmal werden tiefsinnige Gespräche absichtsvoll mit lächerlichen Tanzschritten ironisch gebrochen, die nächste Konfrontation wirkt wiederum so, als befände man sich mitten im psychologisch-naturalistischen Spiel. Was ist nun mit der Ironie? Spielt hier jeder etwas anderes? Auch der Regieeinfall, dass sich die Autorendarsteller auf den Boden werfen und wie bei einem epileptischen Anfall krümmen, Dostojewski war bekanntlich Epileptiker, wird weidlich ausgeschlachtet.

Es geht also hoch her auf der Bühne, aber in dem ganzen Aktionismus kommt die Aufführung Dostojewski nicht näher.