Im Frühling hat er ein Oratorium mit seltsamem Personal auf die Bühne der Salzburger Pfingstfestspiele gestellt: Die Schönheit, die Zeit und die Erkenntnis trugen darin höchstpersönlich eine Debatte aus ("Il Trionfo del Tempo e del Disinganno"). Nun schultert Robert Carsen im Theater an der Wien einen ähnlichen Stoff: In der "Rappresentatione di Anima et di Corpo", dem ältesten erhaltenen Musiktheaterwerk der Geschichte (1600), begeben sich der Körper und die Seele, italienisch Corpo und Anima, gemeinsam auf eine Sinnsuche. Spezialisiert sich Carsen, der weltweit gefragte Opernregisseur, neuerdings auf Allegorienspiele? Ein Lächeln umkräuselt die Lippen des Kanadiers: Nein, das sei Zufall, sagt er im Gespräch, aber ein schöner. Opernwerke abseits der Themen Eros und Thanatos seien ja eher rar gesät. "Wie viele Opern gibt es, die sich mit moralischen Standpunkten auseinandersetzen, damit, was im Leben wichtig ist, wie man Gutes tut?"

Verblüffend formenreich

Eine Sinnsuche, die hier natürlich auf christlichem Boden stattfindet. Misstraue dem Prunk der Welt, suche das Heil in der Liebe Gottes: Diesen Appell vernimmt man sowohl in Händels "Trionfo" (1707) als auch in dem Renaissance-Stück von Emilio de‘ Cavalieri, das sein Debüt in einem Betsaal erlebt hatte. Carsen ist dennoch überzeugt, dass die "Rappresentatione" keine plumpe Propaganda im Sinne des Katholizismus treibe. "Dieses Werk ist nicht didaktisch, sondern unglaublich subtil." Zwar stimme es, dass Cavalieri auch eine Portion Kirchendogma serviert. Doch die Hauptfiguren, der Körper und die Seele, bekämen auf ihrer 90-minütigen Sinnsuche kein einfaches Patentrezept von den Allegorien rundum eingetrichtert; sie müssten sich ihr Moralverständnis selbst erarbeiten. "Finde deinen eigenen Weg, um Gutes zu tun. Aber tu Gutes. Nicht aus selbstsüchtiger Angst vor der Hölle. Sondern weil es besser ist": So lautet jedenfalls die Botschaft für Carsen, der sich gern tief in einen Opernstoff eingräbt. "Natürlich könnte man auch sagen: ‚Das ist lächerlich für das Jahr 2021, Gott ist tot‘, und man könnte sich darüber lustig machen. Aber das interessiert mich nicht. Dieses Werk ist mit großer Aufrichtigkeit geschrieben worden, und sein Autor ein faszinierender Mann."

Sucht nach Neuland: Regisseur Robert Carsen. - © Felipe Sanguinetti
Sucht nach Neuland: Regisseur Robert Carsen. - © Felipe Sanguinetti

Tatsächlich muss dieser Emilio de’ Cavalieri (1550 bis 1602) ein schillernder Charakter gewesen sein. Einerseits verantwortlich für die sinnestrunkenen Feste der Medici, verfolgte er parallel hochgeistige Ziele: Im Verbund mit der Florentiner Camerata tüftelte der Italiener (ebenso wie ein gewisser Claudio Monteverdi) an der Wiedererweckung der griechischen Tragödie und wurde damit zu einem Geburtshelfer der Oper. Dass er sich auch in diesen Belangen als Entertainer verstand, erschließt sich aus seinem Vorwort zur Partitur: Ein Libretto, heißt es da, solle aus Unterhaltungsgründen nicht länger als 700 Verse sein, die Sängerschaft der Verständlichkeit halber eher auf Ornamente verzichten.

Noch mehr fasziniert den Regisseur Carsen, wie abwechslungsreich das Bühnenstück gestaltet ist. "Wir sind im Jahr 1600, und es gibt da nicht nur Worte mit Musik, sondern auch Symphonien, Tanz und einen gesprochenen Text am Beginn. Moderner wurde es nie", schwärmt er vom Formreichtum Cavalieris. Bloß eine Frage will Carsen nicht beantworten - nämlich nach seinem Regiekonzept. Nur so viel: Die Darbietung werde wesentlich abstrakter aussehen als der "Trionfo" in Salzburg. Während sich das Händel-Oratorium als glitzernde Casting-Show von Heute präsentierte, habe er die "Rappresentatione" bewusst offener gestaltet.

Arbeiten wie ein Analytiker

Dass sich Carsen nun in Wien auf diese Bühnenrarität eingelassen hat, liegt nicht zuletzt an seiner Vorliebe für das Genre der Alten Musik. Vorzug des Fachs für Regisseure: Die Opern der Renaissance- und Barockzeit sind in ihren Aufführungsdetails weit weniger festgelegt als jene der Folgezeit. Diese Stücke mögen zwar auch "einem spirituellen Bedürfnis dienen, aber es ist nicht so, dass man sie in einer religiösen Art behandeln muss und keine Note verändern darfst", sagt Carsen, der generell die "Freiheit liebt" und ein "lebhaftes, spielerisches Theater".

Zudem hat er stets einen Bärenhunger auf neue Herausforderungen. "Ich mache Dinge gerne, die ich noch nie getan habe, sodass ich dann ein wenig nervös werde." Folgerichtig ist der Kanadier, der sich bei jedem Opernprojekt wie ein Analytiker vor einem neuen Klienten fühlt, auch ein Feind der künstlerischen Selbstwiederholung: "Ich spüre nie Routine, sonst könnte ich das nicht machen." Darum arbeitet er nicht nur für Theaterbühnen, sondern unternimmt Ausflüge in die Kunstwelt, gestaltet Ausstellungen zwischen Paris und Chicago - und hat etwa auch die Abschiedsgala für Karl Lagerfeld nach dessen Tod im Jahr 2019 im Pariser Grand Palais inszeniert. Wobei: Eigentlich will Carsen gar nicht über sich selbst sprechen, sondern lieber über seine aktuelle Arbeit. Aber irgendwie passt dieser Exkurs ja auch ganz gut zu einer Botschaft, die er in der "Rappresentatione" ortet: Dass es "im Leben um das Lernen geht".