Frank Castorf gilt als verlässlicher Unruhestifter. In Wien ist er in dieser Spielzeit gleich mit zwei Inszenierungen vertreten: Im Akademietheater feierte soeben seine Interpretation von Elfriede Jelineks "Lärm. Blinde sehen, Blindes sehen" Premiere, diesen Samstag (18. September) inszeniert der 70-Jährige erstmals ein Stück von Peter Handke: "Zděnek Adamec". Die "Wiener Zeitung" traf den Vielbeschäftigten in der Burgtheater-Kantine für ein Gespräch über den Zustand der Welt, das Leben in der DDR und den Sinn des Theaters.

"Wiener Zeitung":"Man schämt sich, heute zu leben", so lautet ein Schlüsselsatz in Peter Handkes Bühnentext "Zděnek Adamec", der sich um ein reales Drama entfaltet: Am 6. März 2003 übergoss sich der 18-jährige Adamec mit Benzin und setzte sich in Brand. Wie sehr mobilisiert dieser Suizid aus Protest gegen eine von Geld regierte Welt Ihre Fantasie?

Frank Castorf: Sie sehen ja, ich trinke ein Glas Wein. Es braucht Hilfsmittel, um diese Welt zu ertragen, die bekanntlich die einzige ist, die wir haben. Wir reden immerzu über das Elend der Welt, fühlen uns dabei instinktiv auf Seiten der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wer in den westlichen Demokratien in der wohlbehüteten Mittelschicht leben darf, profitiert unweigerlich vom kapitalistischen System. Dass man da angesichts des Zustands unserer Welt so etwas wie Scham empfindet, erscheint mir geradezu essenziell.

Sie inszenieren zum ersten Mal ein Stück von Peter Handke, der wie kaum ein anderer polarisiert.

Wenn ein Künstler nicht kontrovers ist, gehört er nicht in die Kunst. Was das betrifft, sind wir einander ähnlich. Ansonsten bin ich immer heilfroh, wenn jemand ganz anders ist, als ich selbst - was bei Handke zweifellos zutrifft. In "Zděnek Adamec" glückt ihm ganz Besonderes: Er entreißt einen jungen Mann dem Vergessen. Adamec’ freiwilliges Autodafé weckt auch Erinnerungen an Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen den Einmarsch der Roten Armee ebenfalls am Wenzelsplatz verbrannt hatte. Damals bewunderte ich die Tschechen für ihren Mut, sich dem stalinistischen Panzerkommunismus entgegenzustellen. In der Schule lernte ich Tschechisch, besuchte das Land oft, kenne auch Adamec’ Geburtsort Humpolec.

Als junger Künstler machten Sie in der ehemaligen DDR ebenfalls Erfahrungen mit einer autoritären Gesellschaft. Einige Ihrer Aufführungen wurden verboten.

Jedes Verbot ist für einen Künstler ein Ritterschlag.

Blieb die DDR für Ihr Leben prägend?

Die schnelle Übereinstimmung mit Regierenden, die wir allerorts in Europa erleben, ist mir jedenfalls fremd. Ich habe ein natürliches Misstrauen gegenüber all jenen, die Macht ausüben. Dieses Recht nahm ich mir stets heraus. Wir erlebten aber auch wunderbare Zeiten in der DDR. Mein Freund Leander Haußmann und ich waren anarchische Spät-Hippies. Geld spielte in der DDR keine Rolle, alles, was man zum Leben brauchte, konnte man sich irgendwie leisten. Ob wir damals glücklicher waren als heute? Kann ich nicht sagen. Ist es aber nicht oft auch so, dass man das Untergegangene beschützen und das, was beschützt wird, dem Untergang weihen will? Die Welt kann nicht bleiben, wie sie ist. Was ist aus den Idealen der Französischen Revolution geworden? Aus Freiheit wurde Freizeit. Gleich sind wir noch lange nicht und brüderlich gehen wir auch nicht miteinander um.

Soeben feierte auch Ihre Inszenierung von Elfriede Jelineks "Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen!" am Akademietheater Premiere. Das letzte Jelinek-Stück inszenierten Sie vor über 25 Jahren.

Liebe entsteht durch Wiedersehen, nicht durch Kontinuität. Heidegger meinte, dass wir erst über das Reden mit der Welt in Kontakt treten. Das gefällt mir an Jelinek - ihr beherztes Gerede. Was wir in den Massenmedien zu hören bekommen, ist nur mehr Geschwafel.

Sie haben 25 Jahre lang die Berliner Volksbühne geleitet. Nach Ihrem Abgang 2017 wurde die Bühne zu einem kulturpolitischen Schlachtfeld unter den glücklosen Intendanzen von Chris Dercon und Klaus Dörr. Nun übernimmt René Pollesch, einst einer Ihrer Hausregisseure, die Führung. Wie blicken Sie zurück?

Gar nicht. Was vorbei ist, ist vorbei. Das waren 25 tolle Jahre. Jetzt sind andere dran, das sage ich ohne Gram und Groll. So ist es im Leben. Es ist ein stetes Kommen und Gehen.

Seit dem Ende Ihrer Berliner Intendanz inszenierten Sie als Gastregisseur an zahlreichen Bühnen. Haben Sie nie genug vom Theater?

Im Gegenteil. Arbeiten bedeutet für mich Freiheit. Die Maschine funktioniert am besten in der Überanstrengung: Indem man mehr und mehr macht, muss man nicht mehr darüber nachdenken - und aus der Überanstrengung heraus entsteht vielleicht sogar Neues. Man darf keine Angst davor haben, sich lächerlich zu machen. Lächerlich zu sein ist das wahrhaft Menschliche: Niemals Angst vor dem Spott der anderen!

Wovor haben Sie denn Angst?

Nie. Und auch jetzt werde ich mir nicht einreden lassen, dass ich so zu fühlen habe wie die Mehrheit der Gesellschaft. Alle suchen den Konsens, ich nicht. Wenn alle ja sagen, sage ich lieber nein. Diese Lektion lernte ich früh. Meine Eltern haben mich angstfrei erzogen, sie haben das, was ihr Sohn macht, nie ganz verstanden, aber immer verteidigt. In einem totalitären System darf man nie Angst zeigen, sonst kommt sie zu dir zurück - und schlägt dich tot. Wenn du keine Angst hast, passiert dir weniger.

Denken Sie über Ihr Alter nach?

Da halte ich es mit Bob Dylan: "Forever young" - auch wenn ich genau weiß, dass es nur ein fröhlicher Traum sein kann. Dylan ist einer meiner liebsten Literaturnobelpreisträger, obwohl Georg Danzer die Auszeichnung auch verdient hätte. Danzers Lieder sind im besten Brecht’schen Sinn philosophisch: Sie sind weise, jeder kann sie verstehen.

Der Dramatiker Heiner Müller forderte angeblich, sämtliche Bühnen ein Jahr lang zu schließen, um dann wieder zu wissen, was das Theater eigentlich sei. Pandemiebedingt waren die Theaterhäuser geschlossen. Was wissen wir nun?

Theater dürfen keine Kaufhäuser werden, auch wenn jetzt wieder viele zur Geschäftsordnung zurückkehren wollen. Es ist Zeit für Neues, für das Gegenteil von Kapitalismus. Fragen Sie sich doch, wie die Menschen im Kongo oder in Afghanistan die Welt beurteilen! Schauen Sie sich um, dann sehen Sie, dass es auch bei uns vielen nicht gut geht. Gegen die Schmerzen der Menschheit hilft sicher kein Aspirin.