Er arbeitet als Maler und Zeichner, Objektkünstler, Dramatiker, Choreograf, Regisseur und Ausstatter seiner eigenen Bühnenarbeiten. Jan Fabre (62) ist eine Ikone der zeitgenössischen Kunstszene, zu Gast bei jedem internationalen Festival - in Österreich etwa bei den Salzburger Festspielen oder auch Dauergast bei Impulstanz. (Das Performance-Festival widmete dem Starkünstler 2017 sogar einen eigenen Programm-Schwerpunkt.) Ein gefragter Altmeister also. Bis zum 27. Juni 2018.

Jan Fabre ist an diesem Tag zu Gast in einem TV-Format des öffentlich-rechtlichen Senders VTR. Mit seinen dort getätigten Aussagen nötigte er regelrecht ehemalige Performer, mit einem offenen Brief zu reagieren: 20 Darstellerinnen und Darsteller konnten gar nicht anders, als ihm im Kunstmagazin "rekto:verso" vehement zu widersprechen. Thema des Beitrags rund um die #MeToo-Debatte war eine vom flämischen Kulturminister Sven Gatz in Auftrag gegebene Studie über grenzüberschreitendes Verhalten im Kultur- und Medienbereich.

Fabre, Enfant terrible der zeitgenössischen Kunstszene, sagte unter anderem, dass er jede Initiative gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz unterstützen würde. Er fügte aber noch hinzu: "Es ist etwas Gefährliches", die Beziehung, das "geheime Band", zwischen Regisseur, Choreografen, Schauspielern, Tänzern zu verletzen und zu zerstören.

Sexistische Kritik

Auf seine Behauptung, dass es "in unserer Kompagnie seit 40 Jahren nie ein Problem gegeben hat", konterten kurz darauf die Darsteller mit: "Demütigungen sind in und um Troubleyns (Anm.: der Name von Fabres Ensemble) Proberaum an der Tagesordnung". Vor allem Frauen sollen Zielscheibe schmerzhafter und oft offen sexistischer Kritik sein. Fabre habe Künstler unter Vorwänden zu sich nach Hause eingeladen und sexuell bedrängt. Ferner heißt es in dem Offenen Brief: "Wie Fabre die Aufmerksamkeit auf die Tänzerinnen lenkte, wurde von einigen von uns miterlebt und beinhaltet ein langes und schmerzhaftes Spiel der Demütigung."

Und: "Es ist auch nicht ein Problem, das vor einem Jahr begann. Schon damals (Anm.: vor 15 Jahren) lief es auf den Satz hinaus: kein Sex, kein Solo." "Wenn ich Personen, die mir nahestanden, von meinen Erfahrungen erzählte, zuckten sie nur mit den Schultern, als gehörte das zum Job", wird ein anonymer Performer zitiert. Auch Fabres Aussage bezüglich "gegenseitigen Respekt" stellen die Künstler in Frage, wenn "er einer nicht-europäischen Auszubildenden vorwirft, dass er sie in ihr Land zurückschicken wird, wenn sie nicht besser spielt". Fabre wies die Vorwürfe 2018 zurück: "Wir zwingen niemanden dazu, Dinge zu tun, die für den Einen oder Anderen über ihre Grenzen hinausgehen", sagte er damals.

Drei Jahre dauerten die Ermittlungen, denn nur acht der 20 Personen, die die Vorwürfe erhoben, haben auch namentlich unterzeichnet. Die Suche und Vernehmung der anonym Gebliebenen gestaltete sich auch wegen Corona für die Staatsanwaltschaft äußerst schwierig. Aber am 21. September 2021 muss sich Jan Fabre nun wegen Machtmissbrauch, Anwendung von körperlicher Gewalt und sexueller Belästigung vor dem Arbeitsgericht in Antwerpen verantworten.

Karriere-Einschnitte

Allein die Vorwürfe hinterließen in Fabres künstlerischem Schaffen bereits tiefe Einschnitte: Das belgische Kunstzentrum De Singel in Antwerpen wird nach abgeschlossenen Renovierungsarbeiten eine Fabre-Statue nicht erneut auf dem Dach positionieren, er erhält sie nun zurück. Laut Medienberichten ist Direktor Hendrik Storme der Meinung, dass die "Beschwerden gegen Jan Fabre" dafür sorgen, dass dieses Image in Bezug zum Kunstzentrum fehl am Platz sei. Auch die Tanzbiennale von Charleroi hat eine Vorstellung abgesetzt. Die Verantwortlichen begründen dies mit heftiger Kritik und Drohungen in den Sozialen Medien. Der Grund für diese Entscheidung, laut dem Belgischen Rundfunk, sei zum Schutz von Fabre erfolgt, und solle nicht als Vorverurteilung verstanden werden.

Das diesjährige Impulstanz-Festival stornierte ebenfalls Fabres Performance. "Troubleyn und Impulstanz haben sich im Juni entschlossen, die Präsentation des Solos bis zur Klärung der Vorwürfe zu verschieben, um eventuelle negative Auswirkungen für das Festival zu vermeiden," so Intendant Karl Regensburger zur "Wiener Zeitung". Diese Initiative sei von Fabre ausgegangen.