Da sitzt sie, Theresa, verkörpert von Gerti Drassl, allein und irgendwie klein auf einem zu großen Stuhl auf noch größerer Bühne. Und redet direkt zum Publikum. Sie erzählt von ihrem Pepi, dem verlorenen Bruder, der nur noch in ihrer Erinnerung lebt. Eine Erinnerung, die sie einzig durch Toni Sailer und seinen Film "Der Schwarze Blitz", den sie so oft gemeinsam gesehen haben, am Leben erhält. Eine Prämisse, die nicht unbedingt die glaubwürdigste ist, wenn man sie in den zeitlichen Kontext mit Theresas Leben setzt, die aber trotzdem mitreißt, so man sie denn lässt.

Wie Drassl da so schüchtern platziert ist und so lebensnah erzählt, könnte man vergessen, dass man hier dem Theaterstück "Heldenplätze" von Regisseur Calle Fuhr beiwohnt. Und stattdessen glauben, man säße im Stuhlkreis einer Gruppentherapie. So intim und eindringlich vermittelt Drassl die Vergangenheitsaufarbeitung, die Theresa auf der Bühne betreibt. Schicht für Schicht entledigt sie sich nicht nur aller überflüssiger Kleidung, sondern auch der Geister ihrer Vergangenheit. Von ihrer Tante mit dem Alkoholproblem wie auch von ihrer gesteppten Patchwork-Jacke. Bis am Ende nur ein verletzlicher Kern überbleibt. Die zerknitterte Bluse lose über dem Hosenbund hängend, stellt sich Theresa schließlich ihrer eigenen Verantwortung beim tödlichen Unfall ihres Bruders.

Gerti Drassl bringt eine bewegende One-Woman-Show auf die Bühne, die gekonnt die wankelmütigen Seelenzustände der Theresa aufzeigt. Dabei liegen ihr die subtilen Momente der Authentizität, die weggewischten Tränen, das unsichere Stottern, mehr als die übertrieben-dramatischen - derer es bei dieser Inszenierung überhaupt nicht bedurft hätte.

Für dieses fast schon therapeutische Erlebnis durch "Heldenplätze" hat sich Fuhr mit dem Volkstheater in den Bezirken die idealen Schauplätze ausgesucht.

Nur zu plausibel scheint es, dass man im Saal des VZ Brigittenau nicht bloßer Zuschauer, sondern Teilnehmer eines Stuhlkreises ist. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die vergilbten Overhead-Projektoren, auf die Drassl zur Illustration Folien alter Bilder platziert. Von ihrem Geburtshaus, von Pepi und Toni Sailer. Dahinter drei Leinwände, die je nach Sitzplatz nicht ganz einsichtig sind. Es wirkt, als hätte Theresa notdürftig die technischen Mittel einer antiquierten Schulaula zur Hilfe gezogen. Und so spiegeln die projizierten Bilder auch das wider, was Theresa vermittelt: verwaschene, verblichene Erinnerungen mit schwarzen Flecken.

Flucht zu Toni Sailer

Wie unvollkommen Erinnerungen sind, führt Calle Fuhr am Fall Toni Sailer vor. Der Ski-Star bildet Dreh- und Angelpunkt von Theresas Zugang zu ihrer Vergangenheit. Fuhr verwebt die von "Dossier" 2018 aufgedeckten Informationen zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegenüber Sailer zu einer zugänglicheren, greifbaren Geschichte. Über Theresas Realitätsflucht hinein in die heile Welt des Heimatfilms "Der Schwarze Blitz".

Über Theresa kontextualisiert Fuhr die Bedeutung Sailers für seine Fans. Aber statt den Wintersportler zum aktiven Protagonist zu erheben, verbietet er ihm die Bühne und verdammt ihn dazu, nur als passiver Teil der Erinnerung Theresas zu existieren und von ihr schließlich verstoßen zu werden. Am Ende ist er nur mehr "Der Dicke" im Bild neben ihrem Pepi.

Ohne mit der Tür ins Haus zu fallen, regt Fuhr an, die eigene Rolle bei der Verdrängung ungeliebter Fakten zu überdenken.