Schon die imposanten Trommel-Schläge im ersten Takt der Partitur machen die Betriebstemperatur des Abends musikalisch klar: Hier wird ein archaisches Drama verhandelt. Auf ein ebensolches steuert Hans Werner Henzes Musiktheaterstück "Das verratene Meer" dann auch konsequent zu. Denn auch wenn die Szenerie - und damit einzelne musikalische Ruheinseln - dem Lebensglück der Protagonisten mitunter hold scheinen, im Subtext des Orchesters köchelt die Tragödie konsequent weiter, vollzieht sich mit auswegloser Dringlichkeit und in allen schillernden und dröhnenden Farben und Intensitäten des orchestralen Klang-Spektrums.

Es sind drei menschliche Abgründe, die Henze nach einer japanischen Romanvorlage von Yukio Mishima in seinem 1990 uraufgeführten, 2005 gründlich überarbeiteten Stück ineinander implodieren lässt. Die Zerrissenheit und Verlorenheit des jugendlichen Noboru einerseits, der in der (symbiotischen) Liebe zu seiner Mutter ebenso gefangen ist wie in einer Jugendbande mit gewalttätigen Allmachtsfantasien. Daneben die tiefe, sehnsuchtsvolle Einsamkeit seiner verwitweten Mutter Fusako. Das fatale Dreieck komplett macht Ryuji, ein verhärmter Seemann, der in der Liebe zu Fusako den Hafen für seine rastlose Seele zu finden glaubt.

Dass die Geschichte ins Drama führt, statt in der glücklichen Patchwork-Familie zu münden, liegt an der Tatsache, dass auch der junge Noboru tief für den neuen Mann in seinem Leben empfindet. Der von Noboru als zutiefst schmerzvoll empfundene banalisierende Fall seines überhöhten wie ersehnten Helden zum trivialen Stiefvater löst das Drama aus. Hier prallt die absolute Ewigkeit jugendlichen Unglücks auf das durch Hoffnung überschaubar gemachte der beiden Erwachsenen.

Klanglich zwingend

Dass dieses doch eher sperrige postmoderne Thema als Opernabend zündet, liegt bei der sogenannten Premiere vor Publikum am Sonntag an drei Faktoren. Erstens sind die Sänger exzellent wie ausgewogen besetzt: Die lyrische Stärke von Vera-Lotte Boecker verleiht der Fusako Strahlkraft und Klarheit, Bo Skovhus ist ein intensiv ringender Ryuji und der junge Tenor von Josh Lovell als Noboru trifft stets den kraftvoll schlanken Ton drängender Jugendlichkeit.

Dann ist da Simone Young: Die Umsicht, Klarheit und dennoch Geschmeidigkeit, mit der sie das hoch konzentrierte Staatsopernorchester durch die fordernde wie komplexe Partitur führt, ist beeindruckend. Die vielen Kontraste zwischen der Macht des großen Orchesterklangs und den berückend zarten solistischen Stellen formt sie zu einem zwingenden Ganzen.

Nicht zuletzt spiegelt die wandelbare graue Bühne von Anna Viebrock in ihrer Tristesse die Ausweglosigkeit des Dramas wider. Das Regieteam Jossie Wieler und Sergio Morabito führt die kompakten Figuren durch die kurzen filmischen Szenen, die konsequent schaurig mit dichten (Alb)Traumsequenzen verbunden und kontextualisiert sind. Eine eindruckvolle Produktion.