Blondinen bevorzugt. Das Konterfei der honigblonden US-Fitness-Ikone Erin Andrews prangt überlebensgroß im Bühnenhintergrund, man kann gar nicht anders als zu diesem Werbeposter aufzublicken, mit "Let’s start burning!", wirbt sie für ihr Workout-Programm. Die Werbekampagne gibt zugleich die Richtung vor, wie sich Regisseur Frank Castorf an Peter Handkes Bühnentext "Zdeněk Adamec" annähert: Ironie und Sarkasmus.

Im Zentrum von Handkes jüngstem Stück steht ein reales Drama, am 6. März 2003 übergoss sich der damals 18-jährige Zdeněk Adamec am Prager Wenzelsplatz mit Benzin und setzte sich aus Protest gegen eine von Geld regierte Welt selbst in Flammen. Vom Protestschrei zum Werbeslogan - im Kapitalismus ist alles einerlei, so Castorfs Botschaft.

Die mehr als vierstündige Inszenierung hebt im Burgtheater mit hämmernder Ost-Rock-Musik an, ein wuchtiger Sound, den man hierzulande kaum kennt, dazu sieht man auf einer Filmleinwand minutenlang Ausschnitte aus einem Autocross-Rennen in Humpolec, Adamec’ Heimatort in Tschechien - die alljährlichen Rennen finden bis heute statt, sie dürften wohl zu den gesellschaftlichen Höhepunkten im beschaulichen Kleinstadtleben gehören.

Entwurzelung

In Handkes Stück sprechen sieben Personen über den schrecklichen Selbstmord, stellen Behauptungen und Vermutungen an, Zeit und Ort der Handlung bleibt vage. Castorf verortet das Gespräch eindeutig in Humpolec.

Aleksandar Denić entwirft für die szenischen Eskapaden ein kongeniales Bühnenbild, das den abgerockten Charme von Ost-Kleinstädten zelebriert, inklusive weißer Plastikstühle und bunter Zigarettenwerbung, leeren Bierkisten und Edelstahlgrillern. Zwischen Bushaltestelle und Bierschenke trifft sich die verlotterte Dorfjugend und richtet über Zdeněk Adamec, sein tragischer Tod verkommt zum Dorftratsch, frei nach dem Motto: Endlich ist hier was los.

Auch auf der Bühne tut sich einiges: Marie-Luise Stockinger stöckelt in einem pinkfarbenen hautengen Jumpsuit durch die Szenerie und nimmt voll bekleidet auf offener Bühne eine Dusche. Mavie Hörbiger schreit sich hinter der Bühne bei einer Geburtsszene die Seele aus dem Leib, das Publikum ist via Leinwand live dabei, beide hacken später auch noch Holz im knappen Paillettenkleid. Burg-Neuzugang Hanna Hilsdorf fügt sich perfekt in das heitere Untergangsspektakel ein, Mehmet Ateśçi irrlichtert wie Edward mit den Scherenhänden durch das Spielmaterial, Franz Pätzold und Florian Teichtmeister machen in Lack und Leder Bella Figura und Marcel Heuperman verliert zwischen zwei Schlucken aus dem Dosenbier der Marke "Bernard" nach allen Regeln der Kunst die Nerven.

Die seelische Entwurzelung sieht in den prächtigen Kostümen von Adriana Braga Peretzki grellbunt und leopardengemustert aus - so weit nichts Neues im Castorf-Theaterland. Zu den Höhepunkten der Aufführung gehört wohl die Darbietung von Georg Danzers Austropop-Ballade "10 kleine Fixer", auch der "Scheiße-Scheiße"-Chor hat was und "alle Verzweifelten dieser Welt" werden hier mit einer formvollendeten Verbeugung begrüßt. Wann erlebt man das schon im Burgtheater?

Nach der Pause verliert die Aufführung deutlich an Konzentration und Dichte, die szenischen Entgleisungen wirken routiniert, werden flankiert von langen Ausschnitten aus einem tschechischen Avantgardefilm. Jan Schmidts Schwarz-Weiß-Film "Ende August im Hotel Ozon" (1966) porträtiert eine Welt nach der Katastrophe. Zu den letzten Überlebenden gehört eine Gruppe von Frauen, die sich durch eine verwüstete Landschaft kämpft, sie treffen auf einen einsamen Mann, der sich noch an die untergegangene Kultur zu erinnern vermag.

Was das noch mit Peter Handke zu tun hat? Alles! Im Angesicht der Katastrophe preist Castorfs Inszenierung noch einmal die Kunst und die Menschlichkeit. Vivat.