Und jetzt noch einmal mit Schwung: Tänzer, Sänger, Schönberg-Chor und Leading Team rennen vom Ende der Hinterbühne auf das Publikum zu und stoppen an der Rampe für ihre Verbeugung - eine gut gelaunte Menschenmenge, mitgerissen vom Beifall und dem Elan der eben verklungenen Schlussnoten: Erfolg also für den Saisonauftakt im Theater an der Wien, "Rappresentatione de Anima et di Corpo".

Ob man dieses Relikt aus dem Jahr 1600 zur Gattung Oper rechnen darf, ist freilich eine berechtigte Frage: Das Attribut "Vorläufer" wäre wohl passender für diesen Mix aus symphonischer Musik, Tanzeinlagen, Chorauftritten und Gesangsnummern, die zwischen Rezitativ und deklamatorischen Passagen pendeln. Auch die Handlung dürfte Opernfreunde überraschen. Wobei: Handlung? Das Stück erzählt weniger eine Geschichte, als dass es über die Grundfragen des menschlichen Daseins grübelt. Warum leben, und was damit anstellen?

Show rund ums Seelenheil

Angesichts der Bedingungen der Zeit ist es kein Wunder, dass das Stück zu einem gottesfürchtigen Ergebnis gelangt. Emilio de’ Cavalieri (Musik) und Agostino Manni (Text) haben ihr Werk für ein "Heiliges Jahr" in Rom verfasst (seinerzeit ein Spezialangebot an alle Absolutionswilligen), und die Uraufführung fand im Betsaal der Bruderschaft des Heiligen Filippo Neri statt. "Flieh die eitle Lust, liebe den wahren Gott" lautet eine Kernbotschaft dieses Allegorienspiels, in dessen Zentrum der Mensch selbst steht; Corpo und Anima, Körper und Seele, repräsentieren seine beiden Seiten. Im Lauf von 90 Minuten wird dieses Paar von verschiedenen Parteien beschwatzt: Das Vergnügen, das irdische Leben, die Zeit und nicht zuletzt ein Schutzengel buhlen um seine Gunst. Versteht sich, dass das Himmelreich den Sieg davonträgt.

Es irrt allerdings, wer sich die Belehrung trocken vorstellt: Cavalieri, der gefragte Spektakelmeister am Hof der Medici, brezelte sein Lehrstück zu einer Art Supershow der Renaissance auf. Dass dieses Entertainment überzeitliche Wirkung besitzt, bewies schon Bernhard Paumgartner 1968: Er hat die "Rappresentatione" erfolgreich für die Salzburger Festspiele wiederentdeckt.

Im Theater an der Wien nimmt Regisseur Robert Carsen das Grundthema ernst, ohne sich in einen dogmatischen Dienst zu stellen. Seine Hauptfiguren sind Jeansträger im Partnerlook: Frau Anima (schlankstimmig und mit der nötigen Natürlichkeit: Anett Fritsch) und Herr Corpo (Daniel Schmutzhard mit Naturburschen-haften Attacken) sind mit Trolley zu einer Reise unterwegs. Es hat seinen Witz, wie dieses Paar auf die Anbieter verschiedener Lebensentwürfe trifft: Piacere, das Vergnügen (eine Wucht in Rot: Margherita Maria Sala), entert die leere Bühne, stimuliert eine Tänzerschar zu sündigen Schritten. Die Welt wiederum (gockelhaft: Georg Nigl mit Donald-Trump-Frisur) hält eine Prunk-Parade ab, bevor sich - oh Schreck! - ihr welkes Fleisch enthüllt. Da graut es dann auch dem an sich so sinnesfreudigen Corpo in christlicher Manier.

Die Fürsprecher der Religion sind im Jahr 2021 jedoch nicht immer die Guten. Zwei Kirchenmänner (Cyril Auvity als edler Intelletto, Florian Boesch als gebieterischer Consiglio) zwingen die beiden Reisenden, ihre Lehrsätze an die Wand zu kritzeln. Dazu setzt es ein schauriges Himmel-oder-Hölle-Spiel, wofür die halbnackten Tänzer an vertikale Metallseile gebunden sind. Schweben sie aufwärts, wiegen sie ihre Arme glückselig, sinken sie hinab, krümmen sich die Leiber in Höllenpein. Bereue, weil sonst . . ! Völlig anders da die Gestalt des sanften Schutzengels, ganz in Weiß und mit unwirklichem Stimmglanz (Counter Carlo Vistoli): Tue Gutes - einfach, weil es das Richtige ist. Diese Botschaft will Carsen vermitteln, und das Orchester feiert sie zuletzt mit ekstatischen Tanzklängen.

Giovanni Antonini leitet seinen originaltönenden Il Giardino Armonico: Seltsam, wie weich er diese Musik hier und da phrasiert. Dass er den Abend um manche Einlage aus fremder Komponistenfeder anreichert, sorgt für kleine Längen. In Summe dennoch ein Mirakel, wie organisch Antonini die komplexen Rhythmenwechsel gestaltet und damit die Türen zu einer 400 Jahre alten Musikwunderkammer noch einmal ergötzlich aufstößt.