Wenn der Direktor vor einer Vorstellung eine Durchsage macht, ist das ein schlechtes Zeichen: Umbesetzung, Absage oder andere Katastrophen. Aber Corona hat alles verändert: Wiedersehen macht Freude. "Ich könnte jeden einzeln abbusseln, aber ich glaube, das ist keine so gute Idee", sagt Thomas Gratzer im Rabenhof Theater verschmitzt. Er bedankt sich für "die Treue zur Livekultur und zum Theatergenuss" seines Stammpublikums. Selbstverständlich ist das nicht. Viele Theater kämpfen gerade massiv damit, ihre Zuschauerinnen und Zuschauer nach den Lockdowns zurückzugewinnen. Die Auslastung der meisten Bühnen liegt bei maximal 60 Prozent, was nicht gerade berauschend ist.

50 Jahre nach dem Theaterskandal am Wiener Volkstheater steht Peter Turrinis Wutstück "Rozznjogd" nun also im Rabenhof Theater auf dem Programm. Die Hütte ist voll, die Stimmung ausgezeichnet. Und die Originalbesetzung sitzt im Zuschauerraum: Gratzer begrüßt Dolores Schmidinger und Franz Morak, der nicht nur Schauspieler und Punksänger, sondern später auch Kunststaatssekretär (ÖVP) wurde. Viel Theater also bereits, bevor es noch richtig losgeht.

Wutbürger-Comedy

Turrinis Theaterdebüt erzählt von zwei jungen Menschen, die auf einer Müllhalde ihr erstes Rendezvous haben. Er prahlt mit seinem Auto und erschießt Ratten. Die beiden sind mit ihrem oberflächlichen Konsumleben unzufrieden, damals hat man das Zivilisationsekel genannt. Sie entledigen sich ihrer Statussymbole. Drastisch und derb ist die Sprache, Turrini hat sein Stück im Dialekt geschrieben. Aber: Funktioniert das heute noch? Ist der Zorn der 1970er-Jahre noch nachvollziehbar?

Sophie Aujesky und Josef Ellers spielen mit großer Lust Wiener Klischees. Er, der Prolo mit Vokuhila, sie, die Tussi aus dem Gemeindebau. Ein echtes Auto steht auf der Bühne, der Schrottplatz ist angedeutet. Regisseur Werner Sobotka macht es sich ein bisschen einfach: Er setzt sich auf die Wuchteln des Stücks, kostet den derben, anarchischen Schmäh aus. Klar, das macht Spaß, allein diese Ausdrücke: Pensionistengoschn oder Kulturstrick für Krawatte. Jedes Kompliment ist eine Beleidigung - und umgekehrt. Echte Wiener gehen eben nicht unter.

Der Abend schnurrt ab, als ob es die #MeToo-Debatte nicht gegeben hätte, er greift ihr frech auf die Brust und schreit sie an: Halt die Goschn. Nicht nur für ein erstes Date ist das reichlich daneben. Heute würde man von toxischer Männlichkeit reden. Wie er mit Schrotflinte den Macho konstruiert, ist eher bedrohlich als lustig. Außerdem ist er natürlich ein Mansplainer und erklärt ihr die Welt. Unnötig zu erwähnen, dass es auch sprachlich politisch sehr unkorrekt zugeht (Indianer-Witz!).

Das tiefer liegende Problem dieser Reanimation ist aber, dass sich die Figuren kaum bis gar nicht entwickeln. Alles bleibt Wutbürger-Comedy, Dialektschmäh-Freejazz, Proll-Revue.

Ob Turrinis Stück noch in unsere Zeit passt? Nach diesem Abend möchte man das eher verneinen. Der Inszenierung fehlt die Reibung mit der Gegenwart. Man schaut den Akteuren gern zu, lacht unter Niveau, findet die Sprache aberwitzig böse. Ein schaler Nachgeschmack bleibt aber dennoch.

Erst gegen Ende gibt es eine wilde, berührende Szene. Die beiden haben ihre gekauften Haarteile und falschen Zähne abgelegt, ihr Geld und ihren Schmuck auf den Müll geworfen, sie tanzen nackt und ausgelassen, während Roy Blacks Schmachtfetzen "Du bist nicht allein" erklingt. Dann werden sie erschossen, von Typen, die auch bloß Ratten abknallen. Nach wie vor ist das ein überraschender, cooler Schluss.