Wolken ziehen über die Bühne des Volkstheaters. Erst sehen sie noch einhornig-zuckerwattig aus. Dann schon mehr so wie bei einer Explosion, aber dafür sind sie eindeutig zu harmlos. Dann geben sie beziehungsweise gibt ihre Projektion einen Kasten frei, in dem die drei Schwestern aus Anton Tschechows gleichnamigem Stück sitzen. Ihre Gesichter sind schwarz eingepackt, wie kürzlich bei Kim Kardashians Met-Ball-Auftritt. Das Telefon läutet, und eine Stimme wie aus Michael Jacksons "Thriller" zitiert die ersten Sätze aus "Something happened to me yesterday" von den Rolling Stones.

Ganz schön viele Bezüge gleich in den ersten drei Minuten - und kaum etwas davon hat mit Tschechows Stück zu tun, also so direkt. Denn Susanne Kennedy hat nur ein paar wenige Sätze aus dem Drama übernommen - vor allem aber ein Gefühl. Das Gefühl des Eingesperrtseins - denn bekanntlich wird sich der Wunsch der aufs Land versetzten Geschwister, "nach Moskau" zurückzukehren, nie erfüllen. Sie bleiben gefangen in der ereignislosen Trostlosigkeit, die keinen Auf- oder Ausstieg ermöglicht. Kennedy übersetzt das - unter Zuhilfenahme von Friedrich Nietzsche und Religionswissenschafter James Carse - in eine Zeitschleife. In dieser passiert alles immer wieder, nur ein bisschen verschoben. Mit etwas anders angeordneten Sätzen. Aus Mündern oder aus iPads. Oder in Neon.

Die Schauspieler sind erst spät mit ihren echten Gesichtern zu sehen, meistens tragen sie gesichtsähnliche Masken. Das Ensemble ist eine Mischung aus der Besetzung der Münchner Kammerspiele, in denen das Stück schon 2019 aufgeführt wurde, dem Volkstheater-Team und Akteuren, die zu Kennedys Clique gehören. Das tun übrigens auch Bühnenbildnerin Lena Newton, Sounddesigner Richard Janssen und Videodesigner Rodrik Biersteker. Ihre Zusammenarbeit sorgt dafür, dass der Abend weit entfernt von einer traditionellen Theateraufführung ist. Er gleicht mehr einem experimentellen Film. Die Szenenabfolge ist immer durch ein "rums, finster" getrennt - danach brennt sich das nächste blendende Tableau vivant umso stärker auf die Netzhaut. Dazwischen Klagelaute wie aus dem Fegefeuer. Aufmerksamkeitsmanagement à la Guantanamo.

Heil dem Grüffelo

Die Texte werden über Voice-over eingespielt, man merkt, dass es Laien waren, die die Texte einsprachen und auch auf Befehl gekünstelt lachten - was auch witzige Momente zeitigt, wenn sich eine der Figuren sichtlich schreckt ob dieses bizarren Heiterkeitsausbruchs. Oft muss man bei den Szenen im gleißend weißen Licht auch aus purer Ratlosigkeit lachen. Oder auch, wenn ein Naturgeist angesungen wird, der ein wenig dem Grüffelo ähnelt. Eine Art blaue Totenmaske Gottes - hier sind wir wieder bei Nietzsche - zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Stück. Irgendwann erleben die Schwestern ihr Leben auch als verpixelte Figuren, immer noch gut am Reifrock zu erkennen. Ganz so, als seien sie auch Computerspielfiguren, die einfach nicht über ihr Level hinauskommen. Darauf zielt auch eine Loop-Laufschrift ab, die da lautet: "Simulation of a Simulation of a ..."

Das Leben also eine Simulation? Oder ein Telefonstreich? Wer will das schon so genau wissen. "Drei Schwestern" von Susanne Kennedy ist ambitioniert in der zeitgenössischen Bild-Übersetzung. Aber am Ende ist die Aussage dann doch trivial - zumal nach der Erfahrung des Eingesperrtseins in einer Pandemie. Aber, wie heißt es einmal in Leuchtlettern: "The end is not the end is not the end . . ."