Er zählt zu den bedeutendsten Theatermachern, von 1986 bis 1999 leitete Claus Peymann, das Wiener Burgtheater; anschließend bis 2017 das Berliner Ensemble. Seitdem ist er als freier Regisseur tätig. Ab 25. September ist seine jüngste Wiener Inszenierung, Ionescos "Der König stirbt", in den Kammerspielen zu sehen. Mit der "Wiener Zeitung" sprach mit Peymann über den Umgang mit der Vergänglichkeit.

"Wiener Zeitung": Ionescos Spätwerk "Der König stirbt" ist ein moderner Jedermann, ein Spiel über Leben und Tod. Wie nahe kommt Ihnen das Stück?

Claus Peymann: Ich habe nicht damit gerechnet, wie nahe es mir kommen würde. Aber mit 84 fängt man an, sich mit dem Tod zu beschäftigen, und fragt sich bei jeder Inszenierung, wird es die letzte sein? Das Stück findet eine Balance zwischen Gelächter und Erschrecken und stellt existenzielle Fragen: Warum muss man sterben, wenn man doch eigentlich leben will? Der Tod ist doch das einzige Thema des Lebens.

Was interessiert Sie an Ionesco?

Die absurde Literatur erscheint mir als einziges Mittel, um dem Schrecken der Gegenwart beizukommen. Es ist doch zum Lachen oder vielmehr zum Weinen, wie sich die Politik angesichts der Probleme der Gegenwart selbst demontiert: das Chaos im Umgang mit der Pandemie, die Zerstörung unseres Planeten, die Unfähigkeit, mit dem globalen Unrecht umzugehen, das wir mitzuverantworten haben als Folge des Kolonialismus. Da lässt sich doch nicht mehr "normal" über den Zustand der Welt philosophieren.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Wiener Theaterlandschaft?

Es ist ernüchternd. Als ich 1986 das Burgtheater übernahm, waren wir die absolute Königstruppe. Damals war das gesamte Land von einer Aufbruchstimmung erfasst, Wien befreite sich von einer gewissen Versteinerung, und das Burgtheater wurde Schauplatz zahlloser gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Man denke nur an die "Heldenplatz"-Premiere! Da ertappten wir H. C. Strache auf frischer Tat: Er hat sich früh als jener kulturlose Rowdy enttarnt, der er immer blieb. Während meiner Zeit in Wien prägten zum ersten Mal österreichische Dichter das Burgtheater - wir haben Thomas Bernhard, Peter Handke, Elfriede Jelinek und Peter Turrini nicht im Vestibül versteckt, diese Autoren haben vielmehr unseren Spielplan dominiert. Wenn ich heute über die Straße gehe, bedanken sich Passanten bei mir, was ich für dieses Land getan habe. Dabei hatte ich nur das unbeschreibliche Glück, auf diese Kombattanten zu treffen. Womit ich das verdient habe, weiß ich nicht.

In dieser Spielzeit sind Peter Handke und Elfriede Jelinek genauso am Spielplan des Burgtheaters.

Ja, aber wir haben durch unsere Arbeit diese Autoren durchgesetzt - jetzt nähern sie sich dem Status eines Klassikers an. Ich versteckte das Theater nicht in einer Kunstzelle wie viele meiner Kollegen, ich habe mich nie zurückgehalten, war immer am Marktplatz.

Fehlt heute der Intendant als Marktschreier?

Gerade jetzt wird er dringend gebraucht. Wir mögen die Pandemie physisch einigermaßen überstanden haben, aber psychisch? Im Moment herrscht doch Depression. Die Theater produzieren unter Hochdruck, aber sind erschreckend leer. Niemand weiß, warum das Publikum ausbleibt: Ist es die Angst vor einer möglichen Ansteckung? Ein gewisser Überdruss? Oder haben die Theater etwas von ihrer Anziehungskraft eingebüßt?

Das deutschsprachige Theater durchleuchtet sich gerade selbst und sucht nach einer Kurskorrektur. Das Modell des regieführenden Intendanten, für das Sie und viele Ihrer Generation stehen, wird kritisiert.

Wir machten tolles Theater und werden jetzt verteufelt - das ist doch Quatsch. Über das Mitbestimmungsgequatsche, das jetzt zum Unglück aller Beteiligten reaktiviert wird, kann ich nur milde lächeln, das hatten wir in den 1970er Jahren bereits durch. Das Demokratieprinzip ist doch für die künstlerische Arbeit uninteressant - über Kunst kann man nicht abstimmen. Dass menschliche Würde und Anstand die Proben bestimmen, war und ist für mich selbstverständlich. Glauben Sie bloß nicht, dass Schauspielerinnen und Schauspieler arme Hascherl sind. Sie sind die wahren Königinnen und Könige des Theaters, neben den Autorinnen und Autoren. Ich selbst habe mich nie als Genie gefühlt, sondern eher als Dirigent im Dienst der Dichtung.

Am 26. September wird in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt, wer macht das Rennen?

Die drei Kandidaten der stimmenstärksten Parteien überzeugen mich leider alle nicht. Die Grünen haben mit Baerbock zwar eine interessante Frau aufgestellt, doch hinter der Kulisse warten die eigenen Parteimitglieder schon darauf, ihr die Macht zu entreißen. Der SPD-Kandidat Scholz wiederum ist einerseits wahnsinnig langweilig, hat aber einigen Dreck am Stecken. Laschet wirkt auf mich wie ein Möchtegern-Merkel-Double.

Ihr Blick auf die Zukunft des Landes fällt also düster aus?

Ach, mein Blick richtet sich eher darauf, auf welchem Friedhof ich einmal begraben werden möchte.

Haben Sie sich schon entschieden?

Noch nicht. Es gibt zwei Möglichkeiten: Als Ehrenmitglied des Burgtheaters habe ich Anspruch auf ein Staatsbegräbnis und Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, oder ich entscheide mich für den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, dort liegt die deutsche Geisteswelt begraben - Hegel, Fichte, Brecht. Mit einem Fuß im Grab, was geht mich da noch die Zukunft an? Die bestimmen jetzt andere, und sie sind dabei, alles zu zerstören, indem sie alles nur mehr dem Gewinn unterwerfen, der Kapitalismus überwuchert alles. Das ist nicht mehr meine Welt.