Claus Peymanns erste Wiener Auseinandersetzung mit Eugène Ionesco stand unter keinem guten Stern: Erst brach sich Maria Happel ein Bein, dann erkrankte der Regisseur selbst schwer, und Leander Haußmann musste die Inszenierung der "Stühle" im Akademietheater zu Ende bringen.

Jetzt, in den Kammerspielen, leuchten am Schluss die Sterne im Bühnenbild von Achim Freyer. Sie bestrahlen das Totenritual für König Berengar. Der Bühnenmagier Claus Peymann zeigt, wie überzeitliches Theater aussieht und beschert dem kleinen Haus des Theaters in der Josefstadt einen Triumph, groß genug, dass Wien, nach der Corona-Tristesse, wieder als Theaterstadt Nummer eins zu gelten hat.

- © Lukas Pichelmann
© Lukas Pichelmann

Für welches Stück sich Peymann entschieden hat, wirft indessen Fragen auf. Wenn schon Theater des Absurden: Hätte ihm nicht Boris Vians "Die Reichsgründer" mehr politischen Zündstoff geboten? Wenn schon Ionesco: Man hätte die "Nashörner" erwartet in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ohne eigenes Überlegen irgendwelchen Behauptungen nachlaufen.

Eine Art Jedermann

Doch Peymann inszeniert statt dessen Ionescos große Auseinandersetzung mit dem Tod. Nicht mehr die Alltagskämpfe scheinen ihn zu interessieren, sondern die letzten Fragen. Die freilich beantwortet auch Ionesco nicht. Aber er gewinnt aus ihnen immerhin ein glänzendes Theaterstück. Präziser gesagt: Peymann ringt der halbgaren Textvorgabe, der die Kritik in der Zeit der Uraufführung (1962) zumeist Langeweile bestätigte, einen fesselnden und abgründigen Theaterabend ab.

Wie das Unvermeidliche beschönigen? - Maria Köstlinger. 
- © Philine Hofmann

Wie das Unvermeidliche beschönigen? - Maria Köstlinger.

- © Philine Hofmann

Ionescos "Der König stirbt" ist das am wenigsten absurde Theater des Theaters des Absurden. Ganz linear die ganz greifbare Handlung: Dem König eines arg ramponierten Landes wird mitgeteilt, dass er am Ende des Stücks sterben wird. Daraufhin fängt er ein großes Bitten und Verhandeln an, ein Zetern und Jammern. Die Menschen seiner Umgebung verlassen ihn oder verschwinden. Nur seine erste Frau, die er zu hassen glaubt, bleibt bis ganz nahe dem Ende, ehe auch sie geht: Im Tod ist jeder allein.

Im Grunde schrieb Ionesco eine Art "Jedermann" ohne mystisches Brimborium. Peymann inszeniert das am Anfang als brillante Komödie. Es wird viel gelacht im Publikum, bis im Lauf des Abends die Lacher als Kloß im Hals stecken bleiben.

Dass Kostümbildnerin Margit Koppendorfer Margarete, die erste Frau des Königs, in Schwarz kleidet und Maria, die zweite, in Weiß, ist von Bedeutung: Denn Peymann inszeniert Lore Stefanek als Margarete vielleicht nicht gleich als Madame La Mort, aber zumindest als ihre Botin und Helferin. Fast emotionslos redet sie den König in den Tod, während Maria Köstlinger als Maria in Gefühlen schwelgt: Hoffnung für den Sterbenden, auch wenn es Hoffnung wider alle Vernunft ist.

Johannes Krisch als charismatischer Arzt und Sterndeuter muss widersprechen: Es ist, wie es ist. Johanna Mahaffy als Julchen, Haushälterin und Krankenschwester ist in gequälter Beflissenheit das Bindeglied zwischen allen.

Erinnert Euch!

Er war ein großer König: Bernhard Schir. 
- © Philine Hofmann

Er war ein großer König: Bernhard Schir.

- © Philine Hofmann

Einen der größten Momente des Abends hat Marcus Bluhm als Wächter, wenn er die Verdienste des Königs nennt: Er hat Auto und Flugzeug erfunden, sogar Shakespeare war er. In Peymanns Inszenierung wirkt das improvisatorisch, der Wächter könnte es zusammenfantasieren, um dem jammernden König die Größe zurückzugeben; nicht zu ihm scheint er zu sprechen, sondern zu seiner Umgebung: Erinnert Euch an die Größe dieses Menschen, auch, wenn sie nur in Geschichten über ihn besteht. Das ist der Kern dieser Inszenierung: Denn Peymann führt Bernhard Schir als König Berengar nicht vor. Sein Bitten und Betteln mag bizarr sein, aber er wird nicht der Lächerlichkeit preisgegeben. Sein Sterben ist letzten Endes beklemmend und, ja: unendlich traurig.

Der zerbröckelnde Thronsaal, den Achim Freyer auf die Bühne stellt, stürzt ein und gibt den Blick frei auf Mond und Sterne. Auf dem Thron ein toter König. Wie in einem Ausatmen löst Peymann mit einem Umzug zu Trommelschlag und Trauermusik das Geschehen in reine Poesie auf. Das Lächeln spielerischer Schönheit - eine der möglichen Antworten auf eine der letzten Fragen?

Ovationen wie kaum je zuvor: König Berengar mag tot sein. Es lebe König Peymann!