Zylinder, Tanzkleider, Pailletten-Shirts, Krawatten, Flitterregen: Wollte man aufzählen, was am Sonntag alles im Raimund Theater geglitzert hat, man könnte Seiten füllen. Dabei wäre dies nur die Spitze jenes Materialbergs, der zum Einsatz gelangte, von Trockeneisdüsen bis zum Videoprojektor, von der wachelnden Federboa über den beschwingten Gehstock bis zu all den anderen Requisiten, zwischen denen die Tänzer und Sänger hurtig wechselten. Kurz: Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) haben keine Kosten und Mühen für jene Gala gescheut, die seit Sonntag eine Woche lang im neu eröffneten Raimund Theater das Credo "We Are Musical" vermittelt.

Das Ausmaß der Opulenz ist dabei vielleicht auch die Folge des unverhofft langen Stillstands: Mitte 2019 für eine Generalsanierung geschlossen, hätte das Theater schon 2020 seine Pforten wieder öffnen sollen; aus Corona-Gründen hat sich der Termin um ein Jahr verzögert. Die Neueröffnung lässt nun auch baulich staunen: Die VBW haben in dieser Hinsicht ebenfalls keine halben Sachen gemacht. Der Vorplatz ist behübscht, das Foyer um etliche Türen bereichert, der Keller mit Zusatz-Garderobe versehen und die neue Bestuhlung fühlt sich an wie ein Bett aus Rosen - jedenfalls dann, wenn es dazu qualitätvolle Klänge setzt.

Was hier so alles in 128 Jahren erklang (ab Dezember wird es "Miss Saigon" sein), verleiht der Gala wechselhaften Stoff. Versteht sich, dass die Moderatoren (Musical-Intendant Christian Struppeck und Sängerin Ana Milva Gomes) eher flott durch die ersten Dekaden huschen, denn die waren noch Musical-frei: 1893 eröffnet, sattelte das Sprechtheater bald auf Operette um, in späterer Folge kultivierte es Zugpferde wie Zarah Leander, den umtriebigen Unterhaltungssstar zwischen Film, Operette und Musical. Leanders Nonsens-Nummer "Wodka für die Königin!" hat die Gala augenzwinkernd aufbereitet: Maya Hakvoort, auf einer Chaiselongue schwebend wie Anna Netrebko in der Salzburger "Traviata", schnauzt die Worte mit dem Tonfall einer geeichten Gebieterin.

Auch später ein Schuss Selbstironie: Was ist das eigentlich, "Ein Musical"? Das gleichnamige Duett aus "Something Rotten!" stellt die Gattung als einen Paradiesvogel vor, der "herrlich hirnbefreit" sein mag, aber mit seinem Prunkaufgebot unweigerlich ins Herz trifft. Entsprechend prächtig lassen Alex Balga (Regie) und Jonathan Huor (Choreografie) die Tänzer zu den Klängen des VBW-Orchesters (Leitung: Michael Römer) wuseln.

Schade nur, dass sich der verschwenderische Abend nicht auf die Glanzlichter der Hausgeschichte beschränkt. Stattdessen ertönen auch drei Nummern aus der musikblassen "Rebecca" und am Tiefpunkt Schrottrock aus "Romeo & Julia". Als Gegenwicht natürlich Hits sonder Zahl: Besonders üppig in einem Medley aus Udo Jürgens’ "Ich war noch niemals in New York" und in einem Schnelldurchlauf durch Rainhard Fendrichs "I Am From Austria". Und das Kronjuwel aus "Elisabeth" ("Ich gehör nur mir") wird freilich auch gereicht. Um halb elf verlässt man das Haus nahezu Melodien-betrunken und hat jedenfalls Qualitätsstimmen gehört, von der prägnanten Gomes über Mark Seibert bis zum Vokalwunder Drew Sarich, der als "Jesus Christ Superstar" einen Jubelsturm entfacht.