Hangover zu Beginn. Michael Maertens versteht es wieder mal glänzend, seine Figur wehleidig durch die Szenerie zu schleppen, grandios gedämpft von alkoholbedingter Übelkeit und Übellaunigkeit. Kaum schlägt das Aspirin an, prasselt der Alltag auf ihn ein. Die geknickte Körperhaltung, die offenen Hemdsärmeln, der unfrisierte Schopf - ein einziger, unhörbarer Schrei nach Ruhe.

Am Ende gehören die letzten Worte Peter Simonischek, ein Firmen-Patriarch wie anno dazumal, der den Verlust seines Traditionsunternehmens an skrupellose Mehrheitsaktionäre beklagt: "Es ist aus. Es ist alles aus."

Zwischen Katerstimmung und Raubtierkapitalismus geht es in Simon Stones Gorki-Bearbeitung "Komplizen" am Burgtheater vier Stunden lang hoch her. Zwei Tote sind zu beklagen, viele psychisch Versehrte. Jede und jeder verliebt sich in die grundfalsche Person: Das 14-köpfige Ensemble liefert erstklassige Entgleisungen, wobei jede Kollision mit Chardonnay begossen wird. Salute Schreckenszeit! Äußerst gelungen auch das Bühnenbild, für das Bob Cousins gläserne Wohnräume im Le-Corbusier-Stil aneinander fädelt.

Spiel mit Klischees

Im Familienunternehmen, das den Wohlstand der Protagonisten absichert, beginnt es zu rumoren, es kommt zu Ausschreitungen, schließlich Enteignung und Versteigerung vom Hab und Gut. Die Ära der "alten weißen Männer" ist vorbei, die neureichen Emporkömmlinge wie der Serbe Raschid (Bardo Böhlefeld) und die Afrikanerin Cleo (Stacyian Jackson) sind aber um keinen Deut besser.

Regisseur Simon Stone, bekannt und gefeiert als Interpret von Dramenklassikern fürs Netflix-Zeitalter, verwebt in "Komplizen" zwei Gorki-Stücke: "Kinder der Sonne" (1905) handelt von der russischen Intelligenzija, in "Feinde" (1906) wiederum bricht ein Arbeiteraufstand aus. "Komplizen" verlegt nun die sozialen Spannungen aus Gorkis prärevolutionärer Zeit in das Wien der Gegenwart - und landet beim Auseinanderdriften von Arm und Reich. "Wenn du heute nicht reich geerbt hast, schaffst du es nie, es sei denn, du bist gnadenlos", so Dietmar alias Roland Koch, der einen sozialkritischen Filmemacher derart passgenau darstellt, als handle es sich um eine Parodie: "Erbschaft oder eiskalte Berechnung. Nicht unbedingt die Voraussetzung für eine sympathische Kultur." Wohl wahr.

Die Männer erweisen sich in "Komplizen" durchwegs als Versager, aber auch den Frauen ist nicht zu trauen. Klischees werden etabliert (siehe Mavie Hörbiger als wohlstandsverwahrlostes Töchterchen mit Depressionen) - und dann wieder gebrochen: Birgit Minichmayr stöckelt als exzentrische Anwältin über die Bühne, während Burgtheater-Neuzugang Lilith Häßle eine kreuzbrave Akteurin darstellt. Als Oberschurkin und Mastermind ökonomischen Gewinnstrebens erweist sich Stacyian Jackson. Das Prinzip Hoffnung verkörpern hier allein die Arbeiterinnen mit Migrationshintergrund: Die syrische Putzfrau (Safira Robens) nimmt am Ende sogar ein Medizinstudium in Angriff.

"Komplizen" erzählt nicht wenig über unsere Gegenwart, dargestellt von einem Ensemble in großer Spiellaune, unterstützt von der gut geölten Bühnenmaschinerie Burgtheater. Im Lauf der vierstündigen Handlung bleibt leider aber doch das eine oder andere auf der Strecke, was sich in dramaturgischer Unschärfe, schablonenartigen Figurenkonstruktionen und floskelhaften Dialogen zeigt: "Ich habe das Narrativ des Gemeinsamen vernachlässigt." Wer spricht so? Die Highlights können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier allzu viel nach Seifenoper-Art ausgewalzt wird. Straffung und Schärfung hätten jedenfalls gutgetan. Auch gewisse Übersetzungen des Realen ins Dramaturgische sind fragwürdig: Würde ein Wissenschaftler in Geldnöten, wie auf der Bühne zu sehen, das äußerst lukratives Geschäft mit PCR-Tests tatsächlich ausschlagen?

Simon Stone hat in "Komplizen" ein düsteres Bild der Gegenwart entworfen, das vielleicht noch düsterer hätte ausfallen müssen. Mehr Nordic-Noir, weniger Soap.