Eine Kluft geht durch die Wand. Etwas ist passiert, etwas so Schreckliches, dass die sechs Menschen, die den Raum betreten, nicht sagen können, was es war. Metaphern wie "Die Welt stand in Flammen" müssen genügen. Regisseurin Ingrid Lang verweist klar auf einen Terroranschlag wie in Wien 2020, aber es könnte auch die Apokalypse sein.

Für Traumatisierte ist die Gruppe in Roland Schimmelpfennigs "100 Songs" dennoch reichlich geschwätzig. Die vier Minuten vor dem Ereignis an einem Bahnhof mit Café rekonstruieren sie mit nervenzehrender Manie. Wieder und wieder fällt also eine Tasse auf den Boden und zerbirst, erklingt eine Trillerpfeife und schildern die sechs, in der dritten Person, aber auch in Rollen "damals" Anwesender schlüpfend, was sie um 8:51, 8:53 oder 8:55 Uhr unternahmen: banale Dinge und Alltagsträumereien nämlich.

Ingrid Lang, künstlerische Leiterin des Hamakom-Theaters, ist eine erbarmungslos penible Regiehandwerkerin. Ihr Können zeigt sich auch hier, nur hat sie diesmal ein Stück von himmelschreiender Überflüssigkeit gewählt, dem auch sie und ihr fleißiges Ensemble keine Tiefe zu entlocken vermögen.

Lang versucht, den Text zu veredeln, indem sie ihn mit Luxus überhäuft. Plötzlich lugen die Toten durch den Spalt, die Frau, von der man nur erfährt, dass sie Stripperin werden möchte, strippt. Für die skizzenhafte Fingerübung eines renommierten Dramatikers wurden also Statisterie und eine Choreografin engagiert. Deutlich weniger genervt als der Kritiker jubelte das übrige Premierenpublikum laut.