Mit Johannes Brahms‘ "Ein deutsches Requiem" startet der Ballettdirektor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer in seine zweite Saison: Am 30. September wird nun nach den coronabedingten Verschiebungen in der Volksoper die Premiere stattfinden. Der Choreograf und Direktor erzählt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" von seinen Beweggründen, im Jahr 2011 genau dieses Stück kreiert zu haben, weshalb die Tänzer barfuß performen und wie er seinen Auftrag als Künstler definiert, wenn er ein religiöses Stück vertanzt.

"Wiener Zeitung": Haben Sie sich in dieser stürmischen Zeit schon in Wien eingelebt?

Martin Schläpfer: Es war eine Zeit, in der das Thema Trennung im Vordergrund stand. Wenn man neu ankommt, ist es natürlich schwer, sich unter solchen Bedingungen einzufinden. Arbeitstechnisch betrachtet und auch sonst in der Stadt. Die fehlende Arbeitsroutine hat mich rückblickend mehr belastet, als ich zuvor dachte. Jetzt fühle ich mich aber gut. In den Sommerferien habe ich erstmals das Neujahrskonzert choreografiert. Und hatte dann in den restlichen Ferien Zeit, das Jahr aufzuarbeiten, einfach nachzudenken - das ist das Schöne an Ferien. Ich reise eher selten, ich nütze die verbleibende Zeit zur Reflexion. Das klingt jetzt so priesterlich, aber das bin ich gar nicht (lacht).

Wo wir schon beim Thema wären: Sie choreografieren Brahms‘ Requiem. Sind Sie religiös?

Im herkömmlichen Sinn sicher nicht. Wie die Menschheit Religion auslegt und handhabt, dem stehe ich sehr kritisch und skeptisch gegenüber. Das macht nicht die Religionen an sich schlecht, aber die Auslegungen. Das ist immer schon eines der größten Probleme, die wir seit Menschengedenken haben.

Was hat Sie dazu bewegt, salopp gesagt, Brahms‘ Partitur zu vertanzen?

Salopp geantwortet, habe ich damals (Anm. 2011) mit 45 Tänzerinnen und Tänzern in Düsseldorf/Duisburg eine relativ kleine Kompagnie gehabt. Die Premiere war im Juli, also mitten im Sommer, wo die Leute nicht zwingend ins Ballett kommen wollen. Abgesehen davon, dass ich die Musik sehr gut und lange kenne, habe ich nach etwas gesucht, das in Bezug zum deutschen Kulturgut auch Tickets verkauft. Es war für mich als Direktor notwendig, 1.300 Plätze zu füllen. Ich habe damals oft sehr spröde und moderne Musik verwendet, und da war dann die Auslastung auch niedriger. Ich war natürlich voller Angst und Zweifel, ob man so ein Werk überhaupt auf die Bühne bringen kann oder soll. Aber zuerst wird immer programmiert und dann schaue ich, wie ich es löse. Sonst geht man kein Risiko ein.

Sie sagten, Sie kennen die Musik schon lange?

Brahms‘ Requiem war meine erste Schallplatte überhaupt, die ich als Schüler in London gemeinsam mit Nina Simones "Baltimore" gekauft habe. Ich habe diese Musik auch wegen Brahms‘ Auslegung der Texte gewählt, mit denen er sehr frei umgegangen ist. Es ist nicht nur ein Requiem für die Toten, sondern es zeigt auch das Hier und unsere Zustände. Ein Mozart-Requiem werde ich mein Lebtag nie anfassen.

Also kein sakrales Tanzwerk?

Ich empfinde das Tanzen an sich schon als einen religiösen Akt, das Ein- und Ausdrehen der Beine aus der Hüfte zum Beispiel ist wie ein Ritus. Die Hingabe der Tänzer muss derart hoch sein, dass dies in sich schon ein Dienst an etwas ist. Insofern ist Tanz für mich prädestiniert, sich mit geistlicher Musik zu messen, sich gegenüberzustellen und manchmal auch zu verschmelzen. Nein, es ist kein sakrales Werk. Wenn ich ein solches Stück wähle, geht es für mich darum, liberal, modern und integrativ auch gegenüber anderen Konfessionen und Kulturen zu sein. Die Musik mit ihren Fugen ist kraftvoll, freudvoll, dann gibt es diesen Schmelz der Orchestrierung, diese Chorwogen, diese Schönheit. Dem allen zu erliegen, ist schon auch eine Gefahr. Und neben der Musik ist es der Text, der wahnsinnig stimuliert. Ob man jetzt direkt oder indirekt oder verspätet auf ihn reagiert.

Sie haben gewählt, ihre Tänzer barfuß performen zu lassen. Weshalb?

Auch wenn man in eine Moschee geht oder nach Hause kommt, zieht man die Schuhe aus. Barfuß rutscht und gleitet man nicht über den Boden, man drückt sich vielmehr ab. Das gibt der Bewegungssprache Kraft und Kanten, es gibt ihr einen Widerstand, dem man nicht nachgibt und es besteht weniger die Gefahr, der Harmonie der Musik zu erliegen. Daran muss ich mit den Tänzern sehr hart arbeiten. Ich habe versucht, ein Stück zu kreieren, das unsere Umstände aufzeigt, ohne irgendwelche Fragen zu beantworten. Das zeigt auch der Schluss mit den hängenden Seilen: Man kann sagen, man ist verbunden mit etwas, man glaubt daran. Aber es gibt Seile, die leer schwingen und es gibt auch jemanden, der hinausrobbt und von alle dem nichts wissen will.

Einen einzelnen Spitzenschuh gibt es.

Ja, im fünften Satz. Da heißt es: "Ihr habt nun Traurigkeit". Das ist eine Figur wie ein Mütterchen, eine Maria, eine Frau, die mit einem Spitzenschuh und einem barfüßigen Fuß auf die Bühne humpelt. Es ist kein wirkliches Humpeln, aber die Schieflage des Beckens verursacht diese Bewegung. Das wirkt einerseits fragil, andererseits auch entschlossen punktiert durch den Einsatz des Spitzenschuhs. Der ganze Satz war in einer Probe fertig, weil er so flüssig funktionierte.

Dieses Werk wurde oft als eines ihrer schönsten bezeichnet. Worin liegt der Erfolg dieses mehrfach ausgezeichneten Stücks?

Es ist eines meiner wenigen großen abendfüllenden Ensemblewerke. Vielleicht deshalb. Ich glaube, es tut den Menschen gut, es zu sehen und es polarisiert weniger als andere meiner Stücke. Ich weiß es nicht. Wenn ein Werk es schafft zu berühren, dann schafft es das meistens überall. Interessant ist, wie es jetzt in Wien aufgenommen werden wird.